Myanmar: Im Schatten der Militärjunta

Ich öffnete den kleinen gefalteten Zettel, den sie mir in die Hand drückte. Darauf stand geschrieben: „WE HAVE A SHITTY GOVERNMENT“. Ich blicke in ihr immer lächelndes Gesicht. Dann riß sie mir wortlos das Stück Papier aus der Hand, zerriß es in Mikroteilchen und warf diese in den Fluss. Das war Myanmar im Jahr 2004, im Schatten der Militärdiktatur.

Ein Drittel der burmesischen Bevölkerung war mangel- und unterernährt, und ich leitete ein Ernährungsprojekt in einem Slumviertel in der Hauptstadt Yangon. Ein politisch brisantes Thema und arbeitstechnisch ein Minenfeld: denn offiziell gab es in Myanmar unter seiner Militärherrschaft weder Hunger und Armut, noch ein Slumviertel in der Hauptstadt Yangon. Im Projektgebiet, das über Jahrzehnte auf einer ehemaligen Müllhalde gewachsen war, verteilten wir Reis, Linsen und Öl an Schulkinder und werdende Mütter. Begleitet war die Nahrungsmittelhilfe von einer Ernährungsberatung für Frauen.  

Das Permit und das Kochbuch

Um ins eigene Projektgebiet zu gelangen, benötigte ich eine schriftliche Erlaubnis, ein sogenanntes „Permit“, die alle zwei Wochen bei den Behörden beantragt werden musste. Menschenansammlungen galt es zu vermeiden, und wir führten unsere Aktivitäten in möglichst kleinen Gruppen und weitgehend unauffällig durch. Trotzdem standen wir bei der Arbeit, wie auch in unserem Privatleben unter Beobachtung.   

Wir waren ein hochmotiviertes Team, improvisierten und steckten sehr viel Kreativität und Energy in dieses Projekt. Nicht nur im Umgang mit den Behörden, sondern auch die Projektinhalte betreffend. So fassten wir die gesamte Ernährungsberatung in Bildern, und verpackten die Kernaussagen in sich reimende Verse. Außerdem entwickelten wir einfache Rezepte mit kostengünstigen Zutaten für eine ausgewogene Ernährung. Die Ergebnisse fassten wir in einem kleinen Kochbuch zusammen, das vom Bildungsministerium genehmigt werden musste. Das Kochbuch bestand die Zensur und die Zustimmung für den Druck wurde erteilt, allerdings mit der Bedingung fünf politische Leitsätze zur Unterstützung des Militärregimes hinzuzufügen. An jene Passage erinnere ich mich noch im Wortlaut: „.. widersetzen sie sich allen ausländischen Kräften, die versuchen, sich in unser Land einzumischen ..“. Ich entschied, das Kochbuch nicht zu drucken. Wir suchten nach Alternativen und fanden einen Ausweg im Kalender-Format, denn für den Druck eines Kalenders war ein anderes Ministerium zuständig. Damit umgingen wir, unser Kochbuch für Propagandazwecke zu mißbrauchen. Folge dessen wurde der gesamte Inhalt in einen monatlichen Wandkalender von überdimensionaler Größe gepackt, und war in seiner Gestaltung zweifellos einzigartig.

Die Willkür

Kurz vor Projektende wurden wir angewiesen, unsere Nahrungsmittelverteilungen im Slumgebiet einzustellen. Das kam unerwartet, obwohl andere internationale Organisationen laufend mit Blockaden und Behinderungen zu kämpfen hatten. Gründe dafür wurden nicht genannt. Im Lager hatten wir noch Nahrungsmittel, zum Glück nicht mehr allzu viel. Aufgrund des feuchten Klimas beschafften wir den Reis nicht auf Vorrat, da dieser bei längerer Lagerung schnell von Ungeziefer befallen wurde. Vor dem Hintergrund, dass viele Menschen in Armut lebten und eine Aufhebung des Verteilungsstopps nicht in absehbarer Zeit zu erwarten war, suchten wir umgehend nach verschiedenen sozialen Einrichtungen, die wir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit den noch übrigen Reissäcken versorgten. Das war natürlich unter dem Regime nicht erlaubt, blieb aufgrund seiner Spontanität jedoch unbemerkt und wir konnten verhindern, dass die Nahrungsmittel vergammelten, wenn sie anderswo dringend benötigt wurden.

Vor wenigen Tagen, am 1. Februar 2021, putschte das Militär und riß die Staatsgewalt wieder an sich, nachdem das Land 10 Jahre von einem zivilen Präsidenten geführt wurde. Hochrangige Regierungsmitglieder einer demokratisch gewählten Regierung wurden festgenommen und der Notstand ausgerufen. Unter ihnen ist auch Aung Sang Suu Khy, die sich in der Vergangenheit für eine gewaltfreie Demokratisierung ihres Heimatlandes einsetzte und zuletzt Staatsberaterin und Regierungschefin war. Während meines Aufenthalts in Myanmar (2004/5) stand sie unter Hausarrest, in dem sie insgesamt 15 Jahre verbrachte. 

Mein Mitgefühl gilt all meinen Freundinnen und Freunden in Myanmar. Es ist kaum vorstellbar, wie groß ihre Verzweiflung derzeit sein muss.  

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

5 Kommentare zu „Myanmar: Im Schatten der Militärjunta“

  1. Liebe Gini,

    Danke für diesen Beitrag!!! Traurig was in Myanmar passiert. Kann mich noch gut an deinen Einsatz und unseren Urlaub dort erinnern.

    Schön, dass du deine ganz speziellen Erfahrungen in Myanmar geteilt hast. Ich hatte übrigens 2020 ein sehr konkretes Jobangebot das UNDP Wahlprojekt in Myanmar zu leiten. Habe aber abgelehnt, da ich mich für ein Jahr verpflichten hätte müssen.

    Meine letzte OP ist gut verlaufen und muss noch 5 Wochen den Verband tragen, der den Arm fixiert. Bin jetzt jeden Tag trotzdem mehrere Stunden wandernd unterwegs, um etwas in Form zu kommen.

    Hoffe es geht dir gut und du verbringst schöne Wochenenden in der Wüste. Mitte Feb besuche ich wieder die Elfi. Habe jetzt mitbekommen, dass wir beide im April bei der Veranstaltung vom Gerhard Fröhlich dabei sind. Ich spreche über: „Als Österreicher in der Fremde – Identität als Brille und Rucksack. Anekdotische Annäherung an das Phänomen „Identität“

    Ganz liebe Grüße,

    Oskar

    Von: Weltbürgerin Gesendet: Freitag, 5. Februar 2021 11:06 An: oskar_lehner@yahoo.de Betreff: [Neuer Eintrag] Myanmar: Im Schatten der Militärjunta

    reginatauschek veröffentlichte:“ Ich öffnete den kleinen gefalteten Zettel, den sie mir

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, lieber Ossi, für deine Nachricht! Ja, mal sehen ob es mit den Vorträgen klappt im April. Ich fürchte, es wird wieder eine online Veranstaltung werden. Ich melde mich ausführlicher per Mail. Ganz liebe Grüße, Regina

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