Wadi Rum: Die Wüste als Rückzugsort in Zeiten der Pandemie

Jordanien im Lockdown. Nur in der Wüste geht das Leben weiter. Ich folge den Spuren der Beduinen, beobachte Dromedare, sammle Kräuter und Holz, besteige Berge, schätze das frisch gebackene Brot und schärfe meinen Blick fürs Wesentliche.  

Abseits der nun verlassenen Touristenpfade und tief in der Wüste steht mein Zelt geschützt unter einem Felsvorsprung. Die Wände aus Ziegenhaar gewebt mit günstigen Eigenschaften gegen die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter. Drinnen eine Feuerstelle mit Rauchabzug zum Kochen und Wärmen an kalten Tagen. Hier ist mein Rückzugsort, der insbesondere während des Lockdowns zu einem für mich besonderen Ort geworden ist.  

Der Morgen in der Wüste

Im Winter sind die Tage kurz und der heutige beginnt mit dem Sonnenaufgang. Ich öffne das Fenster und sehe die ersten Dromedare vorbeiziehen. Ich liebe diesen Anblick, der mir bereits frühmorgens ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Jeden Morgen marschieren sie los und kehren abends zu ihren Besitzern zurück. Denn die Nahrung ist seit den Sommermonaten spärlich und die Tiere müssen mit zusätzlichem Futter versorgt werden. Zudem sind die Becken, die das Regenwasser vom letzten Frühjahr auffingen längst trocken und Wasser wird von einer Quelle im Dorf in LKWs herbeigeschafft – bis der nächste Regen fällt.

Auch meine Beduinenfreunde haben 150 Liter Wasser aus dem Dorf mitgebracht. Das sollte für einige Tage reichen, und wir gehen sparsam damit um. Ich fülle eine 1,5 Liter Flasche für die morgendliche Dusche. Die Temperaturen sind nachts auf knapp 10 Grad gesunken, der Morgen ist kühl, die Dusche entsprechend erfrischend und der Körper rasch in mehrere Schichten Kleidung gepackt. 
Im Zelt wurde bereits Feuer gemacht, das Teewasser kocht und aus meiner Espressokanne duftet Kaffee und Kardamom. 
Es dauert nicht lange, erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen und es wird deutlich wärmer. Der Teppich ist bereits vor dem Zelt ausgerollt, denn gefrühstückt wird in der Sonne. Rührei, Fladenbrot, Joghurt, Frischkäse sind serviert. Außerdem gibt es Za‘atar – eine arabische Gewürzmischung aus gerösteten Sesamsamen, Thymian und anderen Kräutern – das mit Olivenöl und Brot gegessen wird. Aus Amman habe ich Orangen mitgebracht, denn Obst ist im Dorf am Eingang zur Wüste kaum vorhanden. Aus ihnen pressen wir frischen Saft.

Der Blick aufs Wesentliche

Die Coronapandemie prägt auch mein Leben. Die Einschränkungen entschleunigen meinen Alltag und ermöglichen mir, diesen bewusster zu erleben. Eine gesunde Ernährung und Lebensführung sind noch wichtiger geworden, das eigene Konsumverhalten, das Streben nach Erfolg, Fragen nach dem Glück sowie mein Beitrag zu einer für mich besseren Gesellschaft werden hinterfragt. 
Die Wüste ist gerade in dieser so ungewöhnlichen Zeit der für mich richtige Ort, die eigenen Werte auszutarieren. Der Blick auf das Wesentliche wird geschärft, die Schönheit der Natur im Detail wahrgenommen, Bescheidenheit und Dankbarkeit gelebt. Antworten auf Lebensfragen werden deutlich klarer.  

Wandern in fantastischer Landschaft

Die Wüstenlandschaft fasziniert mich immer wieder aufs Neue, sodass ich mit Begeisterung die umliegenden Berge und Felsformationen besteige. Jeder Berg hat seinen eigenen Charakter und der Weg führt über rauen Sandstein, manchmal Geröll, durch Schluchten oder vorbei an interessanten Felsformationen. Ein Aufstieg wird mit einem herrlichen Ausblick belohnt. Ich nenne es Naturfernsehen und beobachte Beduinen, Dromedare, Schafe, Ziegen und eine großartige Landschaft.

Unterwegs sammeln wir Wermut und andere mir unbekannte Kräuter, die bescheiden in den Höhen wachsen, für den Tee.

Unter einem Felsvorsprung finden wir aus Steinen gemauerte Behältern, die mit einer Felsplatte abgedeckt sind. Als die Beduinen noch dauerhaft in der Wüste lebten, nutzten sie diese zur Aufbewahrung ihrer Nahrungsmittel, vor allem wenn sie für längere Zeit tiefer in die Wüste zogen. Heute sind diese Vorratsbehälter leer. Nur ein von Spinnweben überzogenes Gefäß aus kautschukähnlichem Material blieb zurück. 

Brot backen und Kochen

Gekocht wird am offenen Feuer, wofür wir unterwegs ein paar morsche Buschäste sammeln. Im Winter wird ein Großteil des Holzes von einer Farm mit kontrolliertem Holzanbau im Umkreis zugekauft. Am Feuer steht immer eine Teekanne bereit. Im Kochtopf brodelt eine Suppe aus Huhn und Gemüse.

Ausserdem gibt es heute ein traditionelles Beduinen Brot. Mehl, Wasser und Salz werden zu einem Teig verarbeitet und direkt in der Feuerstelle gebacken. Zuerst wird der Teig mit glühenden Holzstücken belegt, um die Teigoberfläche zu festigen, danach mit Asche bedeckt. Ist es fertig, wird es kräftig abgeklopft und in Stücke gebrochen. Ein herzhaftes Brot, das warm am besten schmeckt.

Mobiles Arbeiten in der Wüste

Da ich seit März dieses Jahres vorwiegend im Homeoffice arbeite, verlege ich gelegentlich meine Arbeitsstätte in die Wüste. Einer meiner Lieblingsplätze ist der sogenannte Hausfels, der mir neben Inspiration auch eine schöne Aussicht bietet. Hier finde ich die Ruhe Texte zu formulieren, Ideen zu sammeln und Berichte zu schreiben. Eine Internetverbindung habe ich hier keine, sodass ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren kann.
Ebenso sympathisch ist mir der Platz in der Talmitte, wo ich gelegentlich mit neugierigen Besuchern rechnen muss, die mir ebenso Freude bereiten.

Das Leben der Beduinen im Wandel  

Praktisch alle Menschen, die im und um Wadi Rum leben, sind beduinischer Herkunft und führten bis vor nicht allzu langer Zeit ein nomadisches Leben, das von ihren Ziegenherden abhing. Heutzutage sind es nur mehr wenige Familien oder nur einzelne Familienmitglieder die ganz oder teilweise in der Wüste leben. Die meisten Beduinen wohnen in Dörfern, Dromedare wurden als Transportmittel durch Fahrzeuge ersetzt und Mobiltelefone gehören zum Alltag. Für viele ist der Tourismus zur Haupteinnahmensquelle geworden. Dass viele Familien noch Ziegen für Milch, Fleisch und Joghurt halten, hilft ihnen durch die schwierigen Zeiten der Pandemie.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

7 Kommentare zu „Wadi Rum: Die Wüste als Rückzugsort in Zeiten der Pandemie“

      1. Oh, das ist wirklich etwas ganz besonderes! Ich kann mir vorstellen, dass das ein unvergessliches Erlebnis war. Ich saß bisher nur auf Hengsten, weil sie Stuten und Muttertiere normalerweise gar nicht reiten. Ich sehe schon, es gibt noch viel zu entdecken 😊

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  1. ein wundervoller Bericht über die Beduinen im „Wadi Rum „, bewundere die Beduinen, selbst zu Besuch im Wadi Rum, kann ich nur zustimmen. man findet sich selbst, verzaubert von dieser einzigartigen Umgebung und die Offenheit der Menschen mit ihrer Gastfreundschaft. Ein wenig täte uns Europäern sehr gut, einen freundlicheren Umgang mit Fremden zu pflegen.

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    1. Vielen Dank! Ja, ich finde die Dromedare auch fantastisch Tiere. Ich reite mit ihnen auch öfters durch die Wüste, allerdings mit einem Guide. Mein Traum ist ja, ein eigenes zu haben, mit dem ich alleine zurecht komme 😊. Ich arbeite dran und ob sich dieser Traum jemals erfüllt, steht in den Sternen 😀

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