Wenn die Nacht zum Tag, und der Tag zur Qual wird

Die Hitze ist drückend, Bewegungen wirken gedrosselt, und gefühlt ticken die Uhren langsamer. Mit dem Verschwinden des letzten Sonnenstrahles kehrt das Leben zurück.

Es ist Mittwochmorgen und die Straßen sind nahezu leer. Gemessen am Verkehrsaufkommen könnte es auch Freitag – also Wochenende, sein. Die tägliche Verunsicherung im Fastenmonat Ramadan. Im Büro angekommen, stelle ich erleichtert fest, die Fahrt war nicht umsonst.

Ein Kollege schlurft mit eingezogenem Kopf den Flur entlang. Zwei gerötete Augen blinzeln hinter halboffenen Liedern hervor, seine Körperhaltung stimuliert Abweisung. Wir grüßen einander, und gehen uns aus dem Weg. Kurze Nacht gehabt, denke ich. Eine Kollegin trippelt der Kopiermaschine entgegen, fast so, als hätte sie es eilig. Ihre Gegenwart wirkt erfrischend im hinterlassenen Nebel des noch nicht Erwachten.

Ramadan hinterlässt nicht nur Spuren, sondern hat auch etwas Reinigendes, erklären mir jene, die es wissen müssen. Anteil nehmend, stürze ich mich auf meinen Schreibtisch und befreie ihn von Altlasten, erfrische die Ablage, entsorge Verwelktes und Verblichenes, beantworte Mails, die schon längst darauf warten. Interaktionen reduziere ich auf das Notwendigste, um dem Risiko vorzubeugen, dass schläfriges Phlegma mich erfasst. Und trotzdem passiert es. Zur Mittagszeit breitet sich kollektive Mattheit unter den Nicht-Fastenden aus. Das gibt Rätsel auf, und wir suchen nach möglichen Ursachen. Ist Ramadan ansteckend? Ist es die Kraft des Unbewussten als Zeichen der Solidarität? Wir finden keine befriedigende Antwort. Wahrscheinlich liegt es am Wetter.

Unterwegs zum Supermarkt fallen einige wenige Lokale auf, indem man sie nicht sehen soll. Hinter aufgespannten weißen Bettlaken wird Tee und Essen ausgeschenkt und blickdicht konsumiert. Die meisten der wenigen Läden, die Alkohol verkaufen, sind während des Fastenmonats geschlossen, und Restaurants öffnen in der Regel erst abends, sodass Nicht-Fastende ihre Sinne für ‚Ernährungssicherung’ schärfen. Die Versorgung gelingt, wenn auch gelegentlich etwas beschwerlich, mit geringem Anspruch auf Abwechslung.

Am späten Nachmittag sind die Parkplätze beim Supermarkt voll. Ich suche nach frischem Obst, während Familien Berge von Nahrungsmitteln vor sich herschieben. Die Vorbereitung für das ‚Iftar’, dem täglichen Fastenbrechen bei Sonnenuntergang, beginnt mit dem Einkauf. ‚Iftar’ ist für viele das Highlight während des Ramadans, wie mir so manche flüstern. Familien und Freunde kommen zusammen, und es wird gemeinsam gegessen. Ein Familienfest an 30 Tagen.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang und das historische Zentrum Erbils präsentiert sich im warmen Licht. Die Atmosphäre ist angenehm ruhig. Beim Kebab-Stand wird Hackfleisch zu Fleischspießen verarbeitet, während sich die Plätze davor langsam füllen, und die ersten Bestellungen aufgenommen werden. Um 19:19 Uhr ist es schließlich so weit. Aus dem Minarett ertönt das Gebet, an den Tischen werden die ersten Datteln gegessen, zum Besteck gegriffen, und ein weiterer Fastentag ist gebrochen.

In knapp drei Stunden sind auch die Stühle vor den umliegenden Teeläden besetzt, und der eben noch ruhige, beschauliche Ort wird zum Mittelpunkt des Treibens. Inzwischen auf die  Restaurantterrasse hochgestiegen, beobachte ich die von Männern dominierte Szene. Das Wasser sprudelt in den Shishas, Teegeschirr klappert, so mancher reibt sich seinen gefüllten Bauch und alle genießen den lauen Abend. Sie werde noch lange sitzen, nachdem ich nach Hause fahre. Kurz vor Sonnenaufgang wird nochmals gegessen und danach beginnt für viele eine kurze Nacht.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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