Azoren im Winter

Ich suche nach einer Alternative zum Schifahren und finde eine Silvester-Wanderreise auf den Azoren. Wie originell, denke ich, und buche. Mehrere Wochen verfolge ich das Wetter und glaube zu wissen, es war ein Fehler. 

Die Azoren sind mir ein Begriff. Unschärfe habe ich bei der Erinnerung, ob das Archipel eher mit einem Azorenhoch oder einem Azorentief in Verbindung gebracht wird. Ich recherchiere, bin verunsichert und hoffe auf ein Wunder. Seit November zeigt die Wetterprognose beständige Regenwolken. Kurze freudige Momente auf Sonnenschein werden rasch korrigiert. Meine Vorfreude auf eine 6-tägige Wanderreise in der Natur zum Energie auftanken und zur Entspannung ist getrübt.

Vorbereitung

Ich hole meine Wanderschuhe aus dem Keller. Der lederne „Dachstein“ würde taugen, denke ich, und hebe ihn vom Regal. Die Sohle fällt zu Boden. Gleiches passiert mit den ebenfalls in die Tage gekommenen Lowa-Wanderschuhen. Beide Modelle kompostierten unbemerkt die letzten Jahre vor sich hin. Zum Glück habe ich noch einen Tag bis zur Abreise und eile ins nächste Sportgeschäft, kaufe mir wasserdichte Gore-Tex Wanderschuhe mit Sonderimprägnierung gegen Aufpreis. Es kann los gehen!

Die erste Wanderung

In einem nahezu vollbesetzten Flugzeug lande ich kurz vor Mitternacht auf der Insel Sao Miguel, sie ist die größte der Azoren Inselgruppe. Am nächsten Morgen findet sich die Wandergruppe zusammen, und wir wandern bei Nieselregen entlang des Sees bei Furnas. Die üppige Vegetation ist eindrucksvoll. Riesige Baumfarne, in den Weg hängende Lianen, Spalier stehende Bäume, üppiger Wuchs von Bambus – ein Regenwald im wörtlichen Sinne. 

Ein Schleier aus Dunst hängt über dem See und verleiht ihm etwas Mystisches. Luft und Temperatur sind angenehm frisch und benetzen wohltuend Gesicht und Atemwege. 

Rauchschwaden lösen sich von sprudelnd heißen Quellen und kriechen den bewaldeten Berghang hinauf, wo sie sich mit dem Nebel verbinden. Auf einem Gelände reihen sich künstlich geschaffene Erdhügel, in denen Fleisch und Gemüse im Kochtopf mehrere Stunden durch die Erdwärme zubereitet werden. Ich schicke ein kurzes Video an meine Beduinenfreunde nach Jordanien, wo traditionelles Essen im Wüstensand eingegraben zubereitet wird, und mache auf diese Parallele aufmerksam. Die Bedus sind beeindruckt vom Regen.

Es schüttet

Auch am nächsten Tag behält der Wetterbericht recht. Es regnet. Einige Reisende nehmen ihre nachgelieferten Koffer entgegen, während wir in einem kleinen Lokal auf sie warten. Der Regen legt noch einmal kräftig zu, und je länger ich etwas entmutigt aus dem Fenster blicke, desto mehr scheint sich der Geschmack meines Espressos dem Wetter anzupassen.

Gegen Mittag sollte der Regen vorbei sein. Bis dahin besichtigen wir eine Keramikfabrik, die sich auf dem Weg zum Wandergebiet befindet. Als Liebhaberin jeglicher Handwerkskunst kaufe ich mir eine krugförmige Vase, die mir wertvolle Dienste erweist, wie sich später herausstellen wird.

In der Hoffnung, der Regen höre bald auf, starten wir die Wanderung Richtung mystischen Fogo-See. Eingehüllt in Regenkleidung und beschirmt, laufen wir den Berg hinauf und einem gefüllten Bewässerungskanal entlang. Immer noch schüttet es erbarmungslos. Meine Regenkleidung ist inzwischen gut getränkt, und meine Gore-Tex Schuhe inklusive Spezialimprägnierung haben sich den Herausforderungen ergeben. Pfützen stehen mir nun nicht nur mehr im Weg, sondern auch in den Schuhen, die inzwischen wie zwei Klötze an den Beinen hängen. 

Zu Dritt beschließen wir umzukehren und nehmen ein Taxi zurück ins Hotel. Obwohl ich sofort unter die heiße Dusche springe, kann ich eine Erkältung nicht mehr aufhalten und liege schließlich in der Silvesternacht fiebrig im Bett. Die am Vortag angeschaffte Keramikvase dient mir als Jumbo-Tasse für Ingwertee, in dessen Schlund ich beim Trinken fast versinke. Der Neujahrstag verspricht sonnig zu werden, und diesen möchte ich nicht missen, daher bemühe ich Disziplin und Bettruhe für die Silvesternacht und setze auf die geballte Wirkung unterschiedlicher Medikamente.

Der Neujahrstag

Mit der Sonne entfalten sich auf den Azoren die Farben. Das Grün wird noch grüner, Meer und Himmel strahlen blau. Was für ein Unterschied zum Regengrau. Die Stimmung schwingt im Gleichklang mit der Schönheit der Natur. Wir wandern auf alten Saumpfaden entlang der Küste, vorbei an Ruinen ehemaliger Wassermühlen. Schöne Ausblicke auf die Insel und den vor uns liegenden Ozean entschädigen die Mühen der vergangenen Tage. 

Der Weg führt uns zu einem schwarzen Sandstrand. Die Rauheit des Atlantiks ist hier zu spüren. Im Rauschen der Wellen vereinen sich elementare Kräfte der Natur mit Gelassenheit.

Botanische Gärten

Die Insel hat einige eindrucksvolle botanische Gärten und Parks zu bieten. Sehr schön angelegt mit zahlreichen endemischen Pflanzen. Bei milden Temperaturen und häufigem Regen wächst hier vieles, außer Kakteen. 

Das Paradies 

Am letzten Tag sollte uns die Paradewanderung von Sao Miguel noch den krönenden Abschluss bieten. Die Wetter-App versprach seit Tagen Schönwetter mit ausgiebiger Sonne, und täuschte. Die Wanderung führte zuerst entlang eines mit Moos übersäten Aquädukts, dann hoch den Vulkan und schließlich entlang des Kraters. Obwohl die Gratwanderung sich nur an manchen Stellen als solche erschloss, war sie eindrucksvoll und ist im Frühjahr bestimmt überwältigend, wenn die Pflanzen, die den Weg säumen, blühen. Unterwegs öffnet sich immer wieder ein Blick aufs Meer und einzelnen Kraterseen in der Vulkanlandschaft. Exponiert in Richtung Westen bläst der Wind kräftig und kalt.

Ins Grau blickend, konsumieren wir Geschichten über die sagenumwobenen beiden Seen, die im Sonnenlicht blau und grün schimmern, und von denen eindrucksvolle Bilder im Internet und auf Werbeplakaten zeugen. Über dem Atlantik zeichnet sich ein blasser Regenbogen ab, und die nächsten Regenwolken kommen auf uns zu. Bevor diese uns erreichen, sitzen wir bereits im Bus und sind auf dem Weg zurück ins Hotel.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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