Aqaba’s Unterwasserwelt: Ein Tauchgang ins Staunen

Die Sonne brennt gnadenlos, das Thermometer kratzt an der 50 Grad-Marke, und der Wind bläst wie aus einem Backofen ins Gesicht. Selbst der Schatten ist keine wirkliche Zuflucht. Wohin also fliehen? Nach unten – ins Meer. 
Es war der Startschuss für meinen ersten Tauchgang nach über zehn Jahren Pause. Und was für einer! Plötzlich löst sich die Glut in Schwerlosigkeit auf:  ich schwebe über schimmernde Hänge, gleite durch Korallengärten, begleite neugierige Fische und tauche mit ihnen in den Rumpf eines versunkenen Flugzeugs.

Der Weg dorthin ist mühsam: Mit zwanzig Kilo Ausrüstung schleppe ich mich über den flimmernden Sand zum Wasser. Das Neopren klebt eng am Körper, der Bleigurt drückt auf die Hüfte, die Sauerstoffflasche lastet wie ein Betonklotz auf den Schultern. Dann endlich spülen mich die ersten Wellen frei – kühlendes Wasser dringt unter den Anzug, die Last wird leichter, fast fortgewaschen.
Die Flossen sitzen, die Maske schließt dicht. Ein letzter prüfender Blick – und Abtauchen. Die Schwerkraft bleibt zurück an Land. Gut tariert schweben wir über den sandigen Grund, schwerelos, zwischen Felsen und Korallen, immer tiefer hinein. Das anfänglich fremde Blubbern meines Atems wandelt sich bald in einen gleichmäßigen Rhythmus – den Atem der Tiefe selbst. 

Garten aus Korallen und Licht 

Die Unterwasserwelt öffnet sich wie ein zerklüftetes Reich aus Felsen und skulpturartigen Formationen, von verschwenderischem Leben erobert. Sonnenstrahlen brechen durch die Wasseroberfläche und ziehen goldene Bahnen in die Tiefe. Das Riff entfaltet sich wie ein verzauberter Garten, ein Teppich aus bunten Korallen, Schwämmen und bizarren Gewächsen. Ein zerklüfteter Korallenklotz wirkt wie ein Miniaturberg, von kleinen orangen Fischen bevölkert, die geschäftig durch seine Ritzen huschen. Harte Korallenbündel mit eisblauen Spitzen leuchten im Streiflicht,  daneben ragt zwischen verästelten ockerfarbenen Korallen ein Türmchen mit rüschenähnlichem Rand empor. Runde, kompakte Formen erinnern an Gehirne, deren gewundene Linien den Blick in immer neue Schleifen ziehen. Andere wirken wie offene Münder, die stumm ins Wasser rufen. 

Schwarze Korallen wiegen sich wie Farne im Atem der Strömung. Daneben ragen schlauchartige Gewächse hervor, als würden sie nach Luft schnappen. Vor starren Kalkskeletten tanzen Weichkorallen, ihre feinen Fühlern pulsieren im Rhythmus des Meeres. Zwischen all dem hat eine Muschel ihren Platz gefunden. Mit weit geöffneten Schalen entblößt sie ihr fleischiges Inneres und filtert geduldig das Wasser nach Plankton. 
Ein wenig abseits erhebt sich ein Gorgonia-Fächer in stolzer Pracht – ein meterhohes Kunstwerk, zerbrechlich wie Porzellan wirkend und doch voller Kraft. Hier entfaltet das Meer sein ganze Poesie. 

Doch erst die Fische erwecken diesen Garten zum Leben. Sie gleiten durch das Korallenlabyrinth, flitzen wie kleine Pfeile durchs Gewirr. Der Steinfisch tarnt sich im grauen Fels und verrät sich nur durch die Bewegung seiner Augen. Auch der Drachenfisch ist hier beheimatet, elegant und geheimnisvoll. Manche Fische verteidigen entschlossen ihr Revier, andere patrouillieren neugierig durch das Riff. Mit ihrem ständigen Kommen und Gehen machen sie den Garten lebendig – zu einem Ort der nie stillsteht, nie ganz zur Ruhe kommt.

Wracks im Korallenkleid

Plötzlich tauchen sie auf, Relikte einer anderen Welt: ein massiver Panzer, kantig und schwer, schlicht „The Tank“ genannt. Er ruht still auf sandigem Grund, nur sechs Meter tief und nahe am Ufer – so nah, dass er oft zum letzten Halt eines Tauchgang wird. Von seiner martialischen Vergangenheit ist kaum noch etwas zu spüren. Das Meer hat längst Besitz ergriffen. Bunte Korallen überziehen Stahl und Ketten, winzige Fische huschen durch seine Öffnungen. 1999 wurde er im Auftrag des jordanischen Königshauses versenkt, um ein künstliches Riff zu schaffen und den Tauchtourismus zu fördern. Heute ist der Panzer kaum mehr Waffe – er wirkt fast wie ein Garten. 

Ein Stück weiter, auf tieferem Grund, liegt eine C-130 Hercules – ein Transportflugzeug, 2017 versenkt. Drei Jahre später riß ein Sturm die Maschine auseinander, trennte Cockpit und Rumpf und verlieh dem Wrack seine dramatische Gestalt, die auf eine Katastrophe schließen lässt. Doch auch hier hat die Natur längst übernommen: Korallen besiedeln die Flächen, Fischschwärme tanzen durchs Cockpit, aus dem Bauch des Frachtraums steigen Luftblasen der Taucher auf, die durch das Stahlgerippe schweben. 

Und dann die Cedar Pride – das wohl berühmteste Wrack von Aqaba. Ein 80 Meter langes Frachtschiff, 1982 nach einem verheerenden Brand manövrierunfähig geworden und 1985 auf persönlichen Befehl König Husseins versenkt. Seitlich gekippt liegt es auf 20 bis 28 Metern Tiefe, vom Meer längst einverleibt. Weichkorallen in Rosa und Orange bedecken Reling und Aufbauten, Schwärme von Glasfischen füllen die Gänge, und Korallenfächer schmücken die Bordwand wie filigrane Vorhänge. Für viele Taucher ist die Cedar Pride das spektakulärste Wrack Jordaniens: märchenhaft überwuchert und doch mit einer Aura von Vergänglichkeit. Wer hier eintaucht, schwebt zwischen rostigen Decks und leuchtendem Leben – ein Bild, das sich tief einprägt.

Das Unterwasser-Militärmuseum

Noch weiter draußen, in 15 bis 28 Metern Tiefe, liegt das wohl ungewöhnlichste Ensemble: das Unterwasser-Militärmuseum. Hier versenkte die Royal Jordanian Army insgesamt 19 Fahrzeuge: Panzer, ein Ambulanzfahrzeug, Kran, Truppentransporter, Flugabwehrkanonen und Kampfhubschrauber – sorgfältig in Formation auf dem Meeresboden platziert.

Die Strömung ist spürbar stärker, und es ist ein eigenartiges Gefühl, auf diesem Kriegsschauplatz zuzuschwimmen, den Schießläufen entgegen. Zunächst wirkt das Bild stählerner Relikte im Wasser befremdlich – und gerade das macht den Tauchplatz so ungewöhnlich und kontrovers. 

Die Behörden folgten jedoch einem klaren Plan: Ausgediente Militärgeräte sollten nicht verschrottet, sondern in neues Leben überführt werden. Versenkt im Meer, entlasten sie natürliche Korallenriffe, indem sie künstliche Lebensräume schaffen. Aus Waffen wurden Habitate – für Fische, Weich- und Hartkorallen. 

Natürlich spielt auch das Marketing eine Rolle: Ein „Unterwasser Militärmuseum“ lockt neugierige Taucher, während andere das Zurschaustellen von Kriegsgeräten kritisch sehen.
Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Aqaba einen bewussten Bruch inszeniert: Was einst Zerstörungskraft symbolisierte, liegt nun still auf dem Meeresboden, wird von Korallen überwuchert und von Fischschwärmen belebt. Bis daraus ein vollendetes Bild geworden ist, werden noch einige Jahre vergehen.
Doch vielleicht liegt gerade darin die leise Botschaft dieser Wracks: dass aus Symbolen der Gewalt und Zerstörung eines Tages Gärten des Friedens wachsen können – wenn man ihm Raum gibt. 

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Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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