Sechs Tage im Planwagen, ein Pferd namens Tendresse und genug Heu in der Luft, um den Alltag auf Abstand zu halten. Eine Reise durch stille Dörfer, grüne Landschaften, neugierige Kühe, eine Kirche mit Wärmespender und das Gefühl, dass Langsamkeit manchmal der schnellere Weg zum Wesentlichen ist. Wer glaubt, dass nichts passiert, wenn nichts passiert, möge sich festhalten. Aufgesessen – es geht los!
Tendresse stemmt sich mit ihren 800 Kilo gegen die Schwerkraft des Wagens – ein leises metallisches Stöhnen, ein erstes Rollen, ein entschlossener Hufschritt. Dann setzt sich alles langsam in Bewegung. Ein sanftes Ruckeln, das rhythmische Klappern der Hufe – ein Klang, der uns fortan begleiten wird.
Der Wagen rollt gemächlich aus dem Dorf, vorbei an schiefen Mauern, verwitterten Scheunen und dem alten Brunnen im Dorf. Ziegen drücken sich an die Hauswand, Hühner picken emsig verstreute Körner. Die Luft ist frisch, durchzogen von Heuduft und einem Hauch Abenteuer. Blätter beugen sich über Gartenzäune, an denen der Wind leise rüttelt. Die Kirchenglocke schlägt zehn, als wir das Dorf hinter uns lassen.




Die Route
Ausgangspunkt unserer sechstägige Rundreise ist Fontenois-la-Ville, ein kleines Dorf mit rund 130 Einwohnern im Département Haute-Saône, südlich der Vogesen.
Die Region ist geprägt von sanften Hügeln, Feldern, Wäldern und kleinen Flüssen, dazwischen Dörfer, wie aus der Zeit gefallen. Alte Bauernhöfe aus Sandstein oder Fachwerk, oft mit angeschlossenen Ställen und Scheunen prägen das Bild.
Weidende Rinder, Schafe und Pferde gehören zum vertrauten Alltag. Selbstversorgung, Gartenbau und Tierhaltung sind hier keine Lifestyle-Entscheidung, sondern gelebte Wirklichkeit.
Die Dorfgemeinschaften sind klein, aber eng verbunden – man kennt sich, grüßt sich und hilft einander.






Der Planwagen
Die Franzosen nennen ihn „Roulotte“. Von außen erinnert er an einen Zirkuswagen, doch er riecht mehr nach Freiheit als nach Manage. Er atmet Geschichte und Aufbruch zugleich. Ein Unterschlupf für vier, die nicht entkommen, sondern ankommen wollen – auf der Suche nach dem Gefühl, unterwegs zu sein, ohne sich zu verlieren.



Der Wagen passt auf Feldwege, an Waldränder, in stille Dörfer. Und jede Nacht fühlt sich in seinem Inneren an wie ein Echo vergangener Zeiten – vertraut und doch ganz gegenwärtig.
Sein Gerüst besteht aus Metall, überzogen mit einer roten Plane. Innen ist er schlicht, aber durchdacht: Ein Tisch mit zwei Bänken verwandelt sich nachts zur Liegefläche. Zwei zusammenklappbare Militär-Krankentragen lassen sich seitlich einhängen und ergeben luftige Stockbetten für Leichtfüßige. Rechts außen verbirgt ein hochklappbares Seitenteil eine kleine Außenküche – unsichtbar, bis man sie braucht. Reduziert aufs Wesentliche: Entschleunigt und naturverbunden.
Der Tagesablauf
Unser Tagesrhythmus ist einfach und wohltuend gleichmäßig. Tendresse bekommt ihr Futter, wird gestriegelt und aufgezäumt. Gegen 10:00 Uhr brechen wir auf. Nach etwa zwei Stunden legen wir eine Rast ein – fürs Pferd gibt’s Kraftfutter und Wasser, für uns eine kleine aber feine „Fiakerjause“. Dann geht es weiter zu unserem Übernachtungsplatz in der nächsten Ortschaft. Dort kommt das Pferd auf eine Weide, wir entspannen, erkunden Ort und Umgebung oder ich greife zur Gitarre. Abends wird gemeinsam gekocht.



Unterwegs durch stille Dörfer und weite Felder
Die Straße führt durch Wiesen und Felder, gesäumt von wilden Blumen, die wie Zuschauer am Straßenrand nicken. Ein paar Kühe heben neugierig den Kopf, als wüssten sie, dass wir nicht von hier sind. Ländliche Ruhe liegt über allem, eine tiefe Naturverbundenheit. Das Leben folgt hier einem gemächlichen, fast vergessenen Takt.








Ein älterer Herr winkt uns freundlich mit einem „Bonjour!“ und ruft ein „Bon courage“ hinterher.
Kurz darauf bleibt Tendresse wiehernd stehen. Auf einer Weide am Straßenrand kommen junge Pferde angelaufen, neugierig, wachsam. Auch Tiere begrüßen sich, denke ich – ein flüchtiger Moment stiller Verbindung. Dann trotten wir weiter, begleitet vom Hufklappern und dem leisen Galopp der Tiere entlang des Zauns.
Dörfer mit Herz und Geschichte
Dörfer wie Fontenois-la-Ville, Anjeux, Dampierre-Conflans oder Vauvillers sind stille Zeugen eines ursprünglichen Frankreichs. Orte mit Seele, Charakter und einem sehr langsamen Puls. Oft zählen sie kaum mehr als 100 bis 150 Einwohner, viele Häuser stehen leer oder sind nur zeitweise bewohnt. Die Infrastruktur ist dünn: vereinzelt ein Geschäft, eine Schule, ein Bäcker und gelegentlich eine Busverbindung. Dafür selbstgebackenes Brot beim Gastgeber, ein mobiler Pizzabäcker und ein Vertrauen in die Kraft der Vorbestellung – pragmatisch und gemeinschaftlich.


Jede noch so kleine Ort hat seine Besonderheit: Fontenois-la-Ville ist bekannt für seine Pferdekutschenfahrten, Vauvillers begeistert mit Renaissance-Architektur, uns Selles überrascht mit einer alten drehbaren Brücke über den Kanal.
Auch Anjeux bleibt in Erinnerung: In der gotischen Kirche Saint Rémy (15./16. Jh.) steht tatsächlich ein Ofen – kein Schmuckstück, sondern eine pragmatische Lösung für kalte Tage.




Und dann ist da noch ein dunkles Kapitel: Im 17. Jahrhundert war Anjeux ein Zentrum der Hexenverfolgung mit Dutzenden Prozessen. Viele Anklagen kamen aus dem Dorf selbst. Heute erinnern Gedenktafeln an diese Epoche als stille Mahnung an die Abgründe von Angst und Aberglauben.
Zuzug aus dem Ausland – Hoffnung in kleinen Schritten
Seit den 1960er Jahren verliert die Region kontinuierlich an Bevölkerung. Junge Menschen ziehen in die Städte, auf der Suche nach Ausbildung, Arbeit und kulturellem Leben. Zurück bleiben ältere Bewohner, viele verlassene Häuser und eine stille Melancholie, die durch manche Gassen zieht.
Ein leiser Gegentrend ist spürbar: Zuzug aus Westeuropa – von Menschen, die das einfache Leben suchen und die günstigen Immobilienpreise nutzen. Familien mit handwerklichem Geschick und Sinn für Stille entdecken die Haute-Saone für sich und restaurieren Bauernhäuser, öffnen Gästezimmer, und tragen zur Belebung verlassener Orte bei.
Auch wir finden mit unserem Planwagen Unterschlupf bei einer Schweizer und einer deutschen Familie. Einige Orte setzen gezielt auf sanften Tourismus und regionale Entwicklung. Das bringt nicht nur Gäste, sondern langfristig auch Rückkehrer und neue Nachbarn. Es ist ein Balanceakt zwischen Rückgang und Aufbruch, zwischen Abschied und Ankunft.
Der Tourismus ist hier mehr als Erholung – er ist Hoffnung. Langsam wachsend, naturnah, nachhaltig – getragen von einer Gemeinschaft, die Einfachheit, Handarbeit und die Natur nicht romantisiert, sondern lebt.
Im folgenden Video sind Eindrücke der Reise zusammengefasst:
Hey liebe Regina, also ich bin ja schon viel unterwegs … gerade im Baltikum … aber hinsichtlich Entschleunigung schlägst Du mich immer wieder um Längen. Toll! Toller Bericht, tolle Tour! Viele Grüße, Roland.
Lieber Roland, ich denke, ihr seid – was die Entschleunigung betrifft – auch sehr nahe dran. Ich folge deinem „Tagebuch“ und wünsche Euch noch eine schöne Reise! Liebe Grüße, Regina
Was für ein schöner Bericht! So ist es richtig, Wahrnehmung, Entschleunigung und dann noch eine gute Schreibe, danke! Herzlichst, sugalini aus Mecklenburg
Liebe Sugalini, Ich freue mich, dass Dir der Bericht gefällt und Du ein Stück mitgereist bist. Sonnige Grüße, Regina