Ätna: Der schlafende Riese und seine Geheimnisse

Ein schlafender Riese, der niemals schläft und die Natur, die Kultur und das Leben der Menschen auf einzigartige Weise prägt.

Der Berg lockt und wir begeben uns in seine zerklüfteten Fänge. Erhaben und allgegenwärtig wacht er über die umliegenden Täler und ihre Bewohner. Sein weißer Hut strahlt im Kontrast zum blauen Himmel und den bunten Akzenten der Natur. Wie ein König erhebt er sich hinter dem Amphitheater, leuchtet zwischen Kakteen und Orangenbäumen hervor, blinzelt hinter grünen Hängen, glänzt zwischen Festungsruinen und kontrastiert mit Bougainvillea, die an Fassaden emporranken. 
Der Ätna ist allgegenwärtig und zieht die Besucher in seinen Bann.  

Der Allgegenwärtige

Unter den wärmenden Sonnenstrahlen zum Jahreswechsel scheint auch er in den Ruhemodus geschaltet zu haben, wohl wissend, dass der schlafende Riese niemals schläft, wie die weißen Rauchwolken zeigen, die aus ihm aufsteigen. Sein Atem ist ruhig und gleichmäßig. Das Silvesterfeuerwerk ist spektakulär, doch von Menschenhand gemacht.

Der Wandelbare

Der Ätna ist seit ca. 60.000 Jahren aktiv und verändert mit jedem Ausbruch seine Form und damit auch seine Höhe. Sein Körper und die ihn umgebenden erstarrten Lavaströme bedecken eine Fläche von 1.200 km², das entspricht der Größe von New York City oder der 1,5-fachen Fläche Berlins. 

Neben seinen vier Hauptkratern weist der inzwischen auf über 3.300 Meter gewachsene Berg noch 300 Nebenkrater auf, die durch vulkanische Aktivität an seinen Flanken entstanden sind. An seinen Ausläufern leben etwa eine Million Menschen.

Die Aufnahme des Ätna in die Liste des UNESCO Weltnaturerbes im Jahr 2013 verdeutlicht die weltweite Anerkennung seiner außergewöhnlichen Natur und seines wissenschaftlichen Wertes und unterstreicht die Notwendigkeit, die einzigartige Landschaft für zukünftige Generationen zu erhalten.

Wann kommt der nächste Ausbruch?

Eine Frage, die sich viele von uns stellen, gilt er doch als einer der aktivsten Vulkane der Welt. Der Ätna ist nicht nur ein Vulkan, sondern auch ein Symbol für die Kraft der Natur, ein Tor zur Vergangenheit und eine Quelle der Inspiration. Mit seiner Exzentrik, seinen Launen und seinen Ausbrüchen, von denen keiner dem anderen gleicht, ist der Ätna einzigartig und ein interessantes und begehrtes Forschungsobjekt für Wissenschaftler verschiedener Disziplinen.  

So werden regelmäßig die Emissionen von Wasserdampf, Kohlendioxid und Schwefeldioxid gemessen, die Aufschluss über die Explosivität der Eruption und das Aufsteigen von Magma aus der Tiefe des Kegels geben. Auch das Verhalten von Tieren wird wissenschaftlich beobachtet und dient als Frühwarnsystem.

Quannu ‘a Muntagna parra, tutti stamu zitti.
Wenn der Berg spricht, schweigen wir alle.

Diese Redewendung drückt die Ehrfurcht der Menschen vor der Macht des Ätna aus und zeigt, dass die Naturgewalt über menschliche Kontrolle hinausgeht.

Winterwonderland am Ätna

Vom Sonnenaufgang am Meer geht es direkt in den Schnee an der Nordseite des Ätna. Was für ein Kontrast. Auf zu Stein gewordenen Lavaströmen, die mit Schnee bedeckt sind, wandern wir zwischen und um kleine Krater den Berg hinauf. Vor einem tischgroßen, schwarzen Felsbrocken bleiben wir stehen. Eine sogenannte Lavabombe, die der Vulkan einst ausgespuckt hat und die hier zur Ruhe gekommen ist. Mächtig ist sie, glatt ihre Oberfläche und rätselhaft ihre Vergangenheit.

Wo kein Schnee liegt, knirscht bei jedem Schritt schwarzes, körniges Gestein unter den Schuhen. Die pyklastischen Lavasteine haben eine schwammartige Struktur und sind durch die vielen kleinen Hohlräume, die durch eingeschlossene Gase entstanden sind, entsprechend leicht. Unterwegs überraschen kleine Birkenwälder, die den Naturgewalten trotzen und märchenhaft anmuten.  

Vom Sonnenaufgang am Meer zum Schnee auf dem Ätna

Der Mythos des Auges

Die Ätna-Birke (Betula aetnensis) ist nicht nur botanisch faszinierend, sondern gilt auch als Symbol für die Widerstandskraft der Natur und wird in Legenden erwähnt.  Wenn ein Ast abstirbt oder abbricht, wächst die Rinde um die Wunde herum und hinterlässt eine runde schwarze Narbe, die als Auge gedeutet wird. Diese Augen bewachen den Vulkan und schützen die Menschen vor gefährlichen Ausbrüchen. Der Mythos des Auges lebt in den Erzählungen weiter und zeugt von der engen Verbindung zwischen Mensch, Natur und Spiritualität am Ätna. 

Die Ätna-Südseite

Anders die Südseite des Vulkankegels, deren Lava aus jüngerer Vergangenheit stammt. Hier wird die gewaltige Kraft des Ätna noch deutlicher. Vom Bergsattel aus öffnet sich der Blick auf eine riesige Fläche erstarrter, gefluteter Lava. Sie stammt von dem verheerenden Ausbruch im Jahr 1669 und beherrscht die Landschaft. Dunkle, schroffe Gesteine ragen durch die dünne Schneedecke. Die gewaltige Kraft und Dynamik des Berges lässt sich nur erahnen.

Erstarrte Lava am Südhang des Ätna

Die fruchtbare Lavaerde

Jeder Vulkanausbruch hinterlässt auch fruchtbare und mineralstoffreiche Böden, die sich hervorragend für die Landwirtschaft und den Weinbau eignen. Das Gebiet um den Ätna wird bis zu einer Höhe von 1500 Metern landwirtschaftlich genutzt. Sizilien ist berühmt für seine Orangen, Zitronen, Oliven, Feigen und Pistazien. Und selbst im Winter, wenn die Flanken des Ätna schneebedeckt sind und an seinen Hängen Schi gefahren wird, sind die Täler grün und blühen farbenfroh.  

Fruchtbare Täler am Fuße des Ätna

A muntagna dà e a muntagna leva. 
Der Berg gibt, und der Berg nimmt.

Diese Redewendung beschreibt, dass der Ätna einerseits fruchtbares Land und Wohlstand bringt, andererseits aber auch Zerstörung und Leid durch Ausbrüche verursachen kann.

Der Berg der Mythen und Legenden

Der Ätna ist nicht nur eine Naturgewalt, sondern auch ein Ort der Geschichten. Die Mythen, die sich um ihn ranken, spiegeln den Versuch wider, das Unerklärliche einzuordnen und zu begreifen.

In der griechischen und römischen Mythologie galt der Ätna als Sitz des Feuergottes Hephaistos bzw. Vulcanus, der in den Tiefen des Vulkans lebte und dort mit seinen Schmiedearbeiten das Feuer entfachte. Auch der furchterregende Drache Typhon bzw. Thypheus wurde als Erklärung herangezogen. Die Vorstellung, dass Typhon unter dem Ätna gefangen war und seinen Zorn durch Ausbrüche zum Ausdruck brachte, war weit verbreitet.

Die Heilige Agatha wird in der christlichen Tradition als Schutzpatronin verehrt, insbesondere in der Stadt Catania am Fuße des Ätna. Der Legende nach soll ihr Schleier im 3. Jahrhundert einen Lavastrom aufgehalten haben, der sich auf die Stadt zubewegte. Sie gilt auch als Märtyrerin, die während der Christenverfolgung gefoltert wurde und dabei ihre Brüste verlor. Ihre Opferbereitschaft und ihre Standhaftigkeit im christlichen Glauben machen sie zu einer bedeutenden Heiligen, die für ihren Schutz und ihre Stärke verehrt wird.
Übrigens, ihr sind die „Minne di Sant’Agata“ (Brüste der Agatha) gewidmet, ein Gebäck in Form einer Halbkugel aus Mürbteig, gefüllt mit süßem Ricotta, mit weißem Zuckerguss und einer kandierten Kirsche obendrauf.
Sie schmecken besonders gut mit einer Tasse Espresso oder einem Glas Dessertwein.  

Cu’ nesci vivo dâ muntagna, è comu cu’ nesci santu.
Wer lebend vom Berg zurückkommt, ist wie ein Heiliger.

Diese Aussage betont die Gefahr, die vom Ätna ausgeht, und die Ehrfurcht, die die Menschen vor dem Vulkan empfinden.

Ein schlafender Riese, der niemals schläft

Am Horizont steht ein Gigant, 
mal launisch, mal zornig und stets dominant.
Ein Riese aus Stein mit glühendem Herz, 
der Freude bringt, aber auch Schmerz. 

Der Ätna, der König von Sturm und Glut, 
ein wachsender Berg von mächtiger Wut.
Ein Symbol von Vergänglichkeit, 
ein Zeuge der Zeit und Unendlichkeit. 

Er donnert laut, wenn er erwacht,
und speit aus Tiefen Feuerpracht.
Sein Antlitz gezeichnet von Flammen und Rauch,   
Schwefel im Atem, ein Dröhnen im Bauch.

Die Erde bricht auf, ein Schrei, ein Gebet,
die Hoffnung erlischt, wo Glut niedergeht. 
Der Himmel weint Asche, erstickt jedes Herz,
es bleibt die Erinnerung ummantelt von Schmerz.

Die schwarze Spur hat den Tod gebracht,
wird bald vom Leben neu entfacht.
Wo Lava floss wird Wein gemacht,
hier und da entsteht eine blühende Pracht.

Die Frucht so süß, der Duft so rein,
Entspringt des Ätner’s feurigem Stein.
So schmiegt sich Leben an den Tod,
aus erstarrter Glut wird neues Brot.

Die Menschen, sie leben im Schatten des Riesen,
von seiner Gewalt oft zurückgewiesen, 
Sie kennen sein Grollen, die Gefahr seiner Glut,
und bleiben dennoch, aus Liebe und Mut.

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Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

7 Gedanken zu „Ätna: Der schlafende Riese und seine Geheimnisse“

  1. Liebe Gini,

    Wunderschöner Artikel. Man bekommt gleich Lust drauf dorthin zu fahren.

    Liebe Grüße aus Bangkok,

    Oskar

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