Eine Reise nach Peru ist eine Reise in eine andere Welt. Unter dem Schutz der Götter wandern wir in großen Höhen durch außergewöhnliche Landschaften auf den Spuren einer Kultur, die tief mit der Natur und Mutter Erde verwurzelt ist.
Majestätisch sitzt er auf einem Felsvorsprung am Rande der Schlucht, zu seinen Füßen drängen sich die Touristen. Erhaben blickt er über ihre Köpfe hinweg und duldet, dass sich Selfie-Fans mit ihren Kameras nähern. Dann wendet er sich dem Abgrund zu, hebt leicht die Flügel, stellt sich gegen den Wind, und stürzt sich mit kraftvollem Abdruck in die Tiefe. Drei schwere Flügelschläge und der „König der Lüfte“ gleitet der Morgensonne entgegen und kreist hoch über uns. Ein Moment grenzenloser Freiheit beflügelt die Herzen der Beobachter, bevor sie zufrieden und nach Luft schnappend zu ihren Bussen zurückkehren.



Der Kondor als Vermittler zwischen den Menschen und Göttern
Der „König der Lüfte“
Im Inkareich hatte der Kondor eine ganz besondere Stellung. Das kosmologische Weltbild der Inkas besteht aus drei Ebenen, denen wir auf unserer Reise immer wieder begegnen: An der Spitze steht die Welt der Götter und Ahnen, gefolgt vom Diesseits und der Welt der Toten. Als Symbole dieser drei Welten werden der Kondor, der Puma und die Schlange als heilige Tiere verehrt. Der Kondor mit seiner Fähigkeit hoch über den Anden zu fliegen, symbolisiert die Sphäre der Götter, des Himmels und der Sonne. Er steht für Freiheit, Macht und gilt als Mittler zwischen den drei Welten.
Eine Apacheta für unsere Reise
Bevor wir in die Anden und die heiligen Stätten der Inka eintauchen, halten wir auf dem 4.910 Meter hohen Patapampa-Pass vor der Kulisse dreier Vulkane. Vom Vulkan Sabancaya (5976 m) steigt Rauch auf, der sich fast unauffällig in das Wolkenband einfügt. Der Himmel ist klar, der Wind frisch, die Luft sauerstoffarm. Mit hohem Puls bewegen wir uns an den Rand eines Meeres von Steinmännchen, die hier Apachetas genannt werden. Gemeinsam mit unserem Guide Carlos sammeln wir Steine, und fügen eines hinzu. Ein Ritual für die Mutter Erde (Pachamama) und die heiligen Berge (Apus). Ich finde den Platz für unsere Apacheta besonders schön, denn sie steht vor einem mit grünem Geflecht bewachsenen Felsen, und haucht diesem Menschen abgewandten Ort etwas Leben ein. Wir treten hinter unsere Apacheta und schauen Richtung Osten. Carlos dankt Pachamama und den Apus für ihren Schutz und bittet um den Segen für unsere Gesundheit und eine sichere Weiterreise. Wir reichen uns die Hände, um das soziale Band in unserer Gruppe zu stärken. Mit einem Wunsch legt jeder ein Kokablatt als Opfergabe in unsere Apacheta.
Eine sehr schöne und landestypische spirituelle Handlung als Zeichen der Dankbarkeit, des Respekts vor der Natur und des Strebens nach einem harmonischen Miteinander.



Unzählige Apachetas am Patapampa-Pass vor dem rauchenden Vulkan
Extreme und Kontraste der Anden
Die Landschaft der Anden im Süden Perus ist spektakulär. Imposante Berge mit steilen Flanken, tiefe Täler und dramatische Schluchten, grüne Terrassenfelder vor schneebedeckten Bergen, endlose Hochebenen mit kleinen Flüssen und Lagunen, rauchende Vulkane, die wir vom Frühstückstisch aus bewundern, der hochgelegene Titicacasee (3.812 m) mit seinem tiefblauen Wasser. Bei Sonnenuntergang färbt sich die Landschaft in goldgelbe und rötliche Töne. Diese visuelle Vielfalt und die tiefe kulturelle und spirituelle Bedeutung der Umgebung machen die Anden zu einem faszinierenden Naturraum.









Die visuelle Vielfalt der Landschaften in den Anden Perus
Diese landschaftliche Schönheit steht jedoch im krassen Gegensatz zu den enormen Herausforderungen, denen sich die lokale Bevölkerung in diesen extremen Höhenlagen stellen muß. Wichtigste Lebensgrundlage ist die Landwirtschaft, in der vor allem Kartoffeln, Mais, Quinoa und Gerste angebaut werden. Die Anbauflächen sind durch die steilen Berghänge begrenzt, die Anbausaisonen sind aufgrund der klimatischen Bedingungen kurz, Wasserknappheit in der Trockenzeit ist ein Problem, das durch den Klimawandel und das Abschmelzen der Gletscher weiter verschärft wird, und die Menschen leiden unter dem erschwerten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Bildung, medizinischer Versorgung und sauberem Trinkwasser.






Menschen in den Anden leben oft unter sehr schwierigen Bedingungen
Mit Kokablättern in die Höhen

Kokablätter gehören in der Andenregion seit Jahrtausenden zum täglichen Leben. Sie sind Teil der kulturellen Identität und der spirituellen Praxis und werden als Opfergabe an die Götter, in der traditionellen Kräutermedizin, als Energiequelle, gegen die Höhenkrankheit und zur Unterdrückung des Hungers eingesetzt.
Touristen erhoffen sich durch die Einnahme von Kokablättern eine Linderung der Symptome der Höhenkrankheit. Die Blätter werden zusammen mit einer gummiartigen Substanz gekaut, dem sogenannten „Katalysator“, eine Mischung aus zumeist pflanzlicher Quinoa-Asche, Mineralien und Minze. Durch die Neutralisierung des Speichels können die in den Blättern enthaltenen Wirkstoffe vom Körper besser aufgenommen werden. In den Anden sind Kokablätter in Geschäften erhältlich, und werden in den Unterkünften zum Frühstück gereicht, die mit heißem Wasser aufgegossen und als Tee getrunken werden.
Kokablätter in ihrer traditionellen Form haben keine suchterzeugende Wirkung. Da aus der Pflanze jedoch durch aufwändige chemische Prozesse Kokain gewonnen wird, ist sie in Europa verboten, und ihr Besitz und Gebrauch durch internationale Drogenkontrollabkommen reglementiert.
Die Kameliden der Anden
Lamas, Alpakas und Vikunjas sind untrennbar mit Peru und der Andenregion verbunden. Lamas und Alpakas tragen seit Jahrtausenden zum Überleben der Menschen in der rauen Andenregion bei, sei es als Lasttiere, durch ihre Wolle, ihr Fleisch oder als Teil traditioneller Rituale und Zeremonien.

Lamas sind deutlich größer als Alpakas und werden vor allem als Lasttiere eingesetzt. Schon zu Inkazeiten trugen sie Nahrungsmittel, Textilien und Rohstoffe über weite Strecken durch das Inkareich. Auch heute noch sind sie in abgelegenen Andenregionen unentbehrlich.
Alpakas sind vor allem wegen ihrer hochwertigen, feinen und weichen Wolle wichtig. Die Wolle im Nacken der Tiere gilt als besonders fein und wird als Baby-Alpaka bezeichnet. Die Textilproduktion aus Alpakawolle ist sowohl für den lokalen Markt als auch für den Export von großer wirtschaftlicher Bedeutung. In einigen Andenregionen werden Alpakas auch wegen ihres Fleisches für den Eigenbedarf gezüchtet. 80 % der Alpakapopulation lebt in Peru. Alpakas wurden vor ca. 6000 Jahren domestiziert und sind Ausdruck einer über Jahrhunderte bewahrten Tradition.
Im Gegensatz zu den Lamas und Alpakas leben Vikunjas in freier Wildbahn. Ihre Wolle gilt als die edelste und teuerste Naturfaser der Welt. Während der Inkazeit galten Vikunjas als heilige Tiere und waren ein Symbol für Reichtum, Macht und königlichen Status. Ihre exklusive Wolle wurde ausschließlich vom Inka-Herrscher und der Inka-Elite verwendet. Heute sind Vikunjas streng geschützt, da sie in der Vergangenheit durch die Jagd wegen ihrer Wolle stark dezimiert wurden.





Lamas, Alpakas und Vikunjas in den Anden Perus
Machu Picchu
Zum ersten Besuch in Peru gehört Machu Picchu, auch wenn man sich nur äußerst ungern in die Besuchermassen einreiht. Wir nähern uns der geheimnisvollen Ruinenstadt zu Fuß über eine Variante des Inkatrails, der zum Sonnentor führt. Von hier aus öffnet sich der Blick auf Machu Picchu. Meine Erwartung ist durch diverse Bilder so gefestigt, dass jede Abweichung von der Vorstellung eine Enttäuschung sein muss. Zuerst fällt mein Blick auf die Serpentinenstraße, auf der ein Großteil der Touristen mit Bussen von Aguas Calientes zur Ruinenstadt transportiert wird. Dann stelle ich fest, dass Machu Picchu viel weiter weg ist, als ich dachte. Auch mit den Überresten des vielzitierten Sonnentors kann ich nicht viel anfangen. Und so stehe ich zunächst etwas ratlos am Höhepunkt unserer Reise.
Doch auf den zweiten Blick, als wir uns der Ruinenstadt nähern, packt auch mich die Begeisterung. Machu Picchu ist perfekt an die Natur angepasst und zeugt von einer unglaublich präzisen und durchdachten Baukunst. Die Fähigkeit der Inkas, massive Steine ohne Mörtel zusammenzufügen, die Struktur, die durch die leichte Trapezform der Wände, Fenster und Türen den seismischen Kräften standhält, und ein ausgeklügeltes Kanalsystem, um das Wasser effizient zu nutzen, machen die Architektur der Inkas so einzigartig und langlebig.





Die Ruinenstadt Machu Picchu im Einklang mit der Natur
Darüber hinaus wurden astronomische Phänomene beim Bau heiliger Stätten in die Architektur integriert, indem z.B. das Licht der Sonnenwende eingefangen und bestimmte Punkte beleuchtet wurden. In Machu Picchu zeugt davon der Intihuatana-Stein, ein Monolith, der die Tagundnachtgleiche markiert, und zu diesem Zeitpunkt keinen Schatten wirft. Diese kosmische Ausrichtung in der Architektur half den Inkas, den Sonnenzyklus zu verfolgen, und die Jahreszeiten einzuordnen. Aus den astronomischen Beobachtungen wurden Kalenderzyklen für die Landwirtschaft und für religiöse und soziale Feste abgeleitet.

Die mörtelfreie Bautechnik und leicht trapezförmigen Türen sind hier in der Inkastätte Tambomachay deutlich zu sehen
Die Reise lehrte mich, die Harmonie zwischen Mensch, Natur und dem Universum.
Folgende peruanische Weisheit reflektiert die andine Vorstellung von Einheit und Harmonie zwischen den Kräften der Natur, der spirituellen und der emotionalen Welt.
Alles ist verbunden: der Himmel, die Erde und das Herz.
„Todo está conectado: el cielo, la tierra y el corazón“
Ein Gedanke zu „Faszination Peru: Mythos und Natur“