Jersey hat von vielem etwas und von manchem zu viel. Eine Blumeninsel mit eindrucksvollen Steilküsten, grünen Hügeln, schönen Stränden, enormen Gezeiten und vielen Festungen. Zudem ist Jersey ein Steuerparadies und Standort zahlreicher Briefkastenfirmen. Beheimatet sind auch die hübschesten Kühe, königliche Kartoffeln und es gibt eine „Black Butter“, die mit einer Butter nichts, und zwar gar nichts zu tun hat.
Jersey gehört zu den Kanalinseln, und diese befinden sich im Ärmelkanal. Viktor Hugo, der zuerst auf Jersey und dann auf Guernsey im Exil lebte, hatte eine etwas spritzigere Beschreibung: „Die Kanalinseln sind ins Meer gestürzte Stücke Frankreichs, die England aufgesammelt hat“.
Geografisch gehören die Inseln zu Frankreich, jedoch sind sie im Kronbesitz des britischen Königs.
Angekommen in der Unterkunft in Grouville, im südöstlichen Teil der Insel Jersey, lockt sogleich der Strand. Vorbei an einem Golfplatz und dem Schild, das vor fliegenden Golfbällen warnt, gelangen wir ans Meer und erspähen am Horizont das rund 20 km entfernte französische Festland. Großbritannien liegt mit 140 km deutlich weiter entfernt.

Kanalinseln versus Normannische Inseln
Die Engländer sprechen von den Kanalinseln, die Franzosen von den Normannischen Inseln, das bereits auf die sprachliche und kulturelle Besonderheit der Inseln hindeutet. In Jersey sind Orts- und Straßennamen ein sprachlicher Mix und so überrascht es nicht, dass man von der „Street“ in die „Rue“ einbiegt, und das „House“ neben dem „Maison“ steht oder sich ein Straßename im Laufe der Zeit zur „Les Vaux New Road“ entwickelte. Allen Namen gemein ist, dass sie englisch ausgesprochen werden. Dem französischen Savoir-Vivre und der Raffinesse der französischen Küche, stehen Pubs, englische Gärten und Parks gegenüber. Es scheint, als hätten sich die Insulaner die Rosinen rausgepickt, und das Beste aus beiden Kulturen behalten.
Befestigungsanlagen aus unterschiedlichen Epochen zeugen vom Kampf um die Inselherrschaft und gelten als Sehenswürdigkeiten. Aber auch die jüngere Geschichte hat nachhaltig Denkmäler gesetzt. Rund 300 Artillerieanlagen und Betonbunker haben die Deutschen im zweiten Weltkrieg auf den Kanalinseln durch Zwangsarbeit errichtet. Aber es gibt auch subtilere Hinweise an das Grauen der Nazis, wie beispielsweise ein Gedenkstein am Rande des Küstenpfads, der an den Tod von vier Jugendlichen erinnert:
„To the memory of four young islanders who on the 13th November 1944 tragically lost their lives in a doomed attempt to escape the islands during the occupation when their small boat was dashed on the rocks below”.

Entlang der Küste
Auf die Insel neugierig wurden wir, der vielversprechenden Landschaft wegen, und da hat Jersey einiges zu bieten. Mit der Sonne leuchten Wiesen grün, Blumen bunt und das Meer türkisblau.



Wir wandern entlang der Küste zumeist mit Blick aufs offene Meer, kreuzen sattgrüne Hänge mit wuchernden Farngewächsen. Verbreitet blüht der Fingerhut. Das Meer umspült schroffes Gestein und dringt bis in kleine Sandbuchten vor.









Blumen und Blümchen spießen nicht nur aus der Erde, sondern auch zwischen den Steinen und entlang von Ritzen in Hausmauern. Dem Golfstrom, der hier eine mediterrane Pflanzenwelt ermöglicht, sei dies zu verdanken.







Mit der nächsten Kaltfront und dem Regen vom Atlantik verblasst die Strahlkraft und über die gestern so liebliche Landschaft, bläst heute ein stürmischer Wind. Es ist regnerisch und ungemütlich.



Die Gezeiten
Der Gezeitenwechsel ist mit einem Tidenhub von rund 12 Metern einer der größten weltweit. Zweimal täglich fließt das Wasser ab, und Jersey gewinnt bis zu 40 % an Fläche. Die Ebbe setzt Boote in den Sand und legt Schotter, Kies – ja, ganz Felslandschaften frei. Zunächst ein etwas ungewöhnlicher und beinahe trauriger Anblick, wenn dem Hafen das Wasser und den Booten ihr tragendes Element fehlt.






Wir spazieren entlang des freigelegten Meerbodens zwischen Bojen und den daran fixierten Booten. Grüne, moosähnliche Algen bringen etwas Farbe ins Bild. Die von den Wattwürmern durch Ausscheidung produzierten Sandspaghetti sind zahlreich, und es gibt bald kein Ausweichen mehr. Obwohl es sich bei ihrer Ausscheidung um einen gefilterten und reinen Sand handelt, trete ich nur ungern drauf. Im freigelegten dunklen Seetang hängen einige sich verhedderte Krabben, verstreut liegen Rückenschilder von Tintenfischen, und im Sand glitzern unzählige bunte Muscheln und Schneckenhäuser – ein Paradies für Sammler.






Die Hauptstadt
Im Gegensatz zu den Kühen von Jersey ist ihre Hauptstadt St. Helier nicht allzu hübsch, und da unser Stadtbesuch unglücklicherweise mit einem Feiertag kollidierte, waren nicht nur die Märkte und Geschäfte geschlossen, sondern auch vom kosmopolitischen und internationalen Treiben in der King Street nichts zu spüren. Vor dem etwas überdachten, schmiedeeisernen Tor zum Central Market suchen wir Schutz vor einem kurzen Regenschauer, spähen durchs Gitter, und mutmaßen wie es morgen hier sein wird, wenn das Leben in die Stadt zurückkehrt.
Die Finanzwirtschaft hat einen signifikanten Anteil am Bruttoinlandsprodukt und wird auf knapp 50 % geschätzt. Der Reichtum der Insel ist jedoch weitgehend unsichtbar. Glücklicherweise gibt es keine in den Himmel ragende Bankhäuser oder protzige Bauten, dafür springen einem in den heute ausgestorbenen Straßen zahlreiche Messingschilder ins Auge, die auf Finanzgeschäfte hinweisen.
Kühe, Kartoffeln und Black Butter
Jersey hat zumindest drei Besonderheiten. Die Jersey Kühe zählen zu den ältesten Rinderrassen der Welt. Ihre Milch zeichnet sich durch einen sehr hohen Fett- und Proteingehalt aus.
Etwa die Hälfte der Fläche wird landwirtschaftlich genutzt und Kartoffelfelder sind allgegenwärtig. Die Kartoffel „Jersey Royal“ hat eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Dies bedeutet, dass nur Kartoffeln, die in Jersey angebaut und nach bestimmten traditionellen Methoden geerntet werden, als „Jersey Royal“ vermarktet werden dürfen. Kartoffeln werden uns täglich zum Abendessen als Beilage serviert: gebraten, gekocht, püriert, als Pommes oder Wedges.
Eine weitere Spezialität auf Jersey ist die „Black Butter“, eine Art Apfelkonfitüre aus Äpfeln, Most, Zimt, Zitronen und Gewürzen. Man isst sie als Marmelade aufs Brot, als Chutney zu Käse und Fleisch oder verfeinert Speisen.
Jersey’s Zoo
Und dann ist da noch dieser Zoo, der eigentlich keiner ist. Vielmehr handelt es sich dabei um einen großzügig angelegten und sehr schönen Wildlife Park, dessen Fokus auf der Erhaltung von gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Tieren liegt, mit dem Ziel, sie wieder in ihren gewohnten Lebensraum anzusiedeln. Eindrucksvoll ist dieses große Gehege für Gorillas, die heute jedoch nicht in der Hängematte baumeln oder am Baumhaus herumturnen, sondern sich im kleinen integrierten Betonhäuschen aufhalten, wo Besucher sie durch ein Bullauge beobachten können. Ich presse meine Nase ans Bullauge und staune, als sich Silberrücken höchst persönlich quasi in seiner vollen Breite vor meinen Füßen niedersetzt. Diese Rückenmasse ist wahrlich beeindruckend. Experten schätzen, dass ein Silberrücken bis zu 27 mal stärker als der Mensch sein kann. Gerne hätte ich die Gorilla-Familie im Gehege beobachtet, doch sie bevorzugen, sich in ihrer kleinen Betonhöhle aufzuhalten.





wow!! 39Jersey – von vielem etwas
Da ich seinerzeit, von Frankreich rüberkommend, schlagartig mein Englisch verlernt hatte (das doch, wenn schon nicht besoders gut, um einige Größenordnungen elaborierter als mein bißchen Französisch ist) lernte ich schnell, dass ich den Untertanen seiner Majestät begegnet bin – sie wollten keine französischen Worte verstehen oder zumindest nicht meine Aussprache derselben. Nur mit Mühe gelang es mir, eine Postkarte zu erstehen und so, wie beabsichtigt, aus dem Frankreichurlaub eine Postkarte aus Great Britain zu versenden.
Die Guernsey – Kühe, nur wenig größer als die von Jersey, geben übrigens noch fettere Milch, die als „Gold Top“ sogar höhere Preise zu erzielen imstande ist (betreffend den Fettgehalt bei einheimischen Rindern verweise ich auf das Anglerrind, auch Butterkuh genannt). Was die Rindergrößen angeht empfehle ich einen Ausflug in den Schwarzwald: Vorder- und Hinterwälder Rind sind ebenfalls winzig, sehen aus, wie Spielzeug – Fleckvieh. Und wer es noch kleiner will reise nach Dahomey (= Benin), meines Wissens züchtet man dort die kleinste Hausrinderrasse, das Dahomey – Zwergrind.
So, und jetzt muß ich mal weiterlesen. Was es mit der schwarzen Butter auf sich hat!
Tja, es ist nicht immer einfach mit den Sprachen und Dialekten und alles dazwischen. Vielen Dank für die interessanten Informationen zu den Rindern! Einen Ausflug zu den Schwarzwaldrindern habe ich notiert, und zu den Zwergrindern werde ich gleich noch recherchieren. Habe schon einiges über Benin gehört, aber Zwergrinder … sehr interessant!
Einfacher zu finden sind sie in München, Tierpark Hellabrunn. Die hatten immer eine Gruppe dieser niedlich wirkenden 300kg – Tiere!