Nostalgische Klänge und die gute alte Zeit

Musik dröhnt aus dem kleinen Innenhof, am Eingang verrät ein Schild: „Music Archiv“. Drinnen befinden sich aufgereiht alte Tonbandgeräte aus unterschiedlichen Jahrzehnten, und bis zur Decke gestapelte Musikkassetten. Amjed’s Lebenswerk.

Amjed begrüßt mich überschwänglich und ist gut gelaunt. Der 60jährige verdient seinen Lebensunterhalt mit Musikaufnahmen und dessen Verkauf. Ein Geschäft, in das er im Alter von sieben Jahren hineingewachsen ist,  und später von seinem Onkel übernahm. Lange Zeit war es angeblich das einzige ‚Tonstudio‘ in Erbil, heute ist es Teil des Archivs.

Die Musik hat für die Kurden eine lange und bedeutende Tradition. Die Lieder leben von ihren Texten, zumeist erzählende Dichtungen, die sich auf die Natur und Menschen beziehen, und häufig von Liebe und ihrem Schicksal, aber auch von Heimweh, Krieg und Heimat handeln. Sie wurden von Geschichtensängern verbreitet, und von einer zur nächsten Generation weitergegeben. Seit einigen Jahren bemüht man sich, die alten Lieder aufzunehmen bzw. alte Aufnahmen als Kulturerbe zu bewahren. 45.000 Lieder umfasst das Archiv in Erbil, Amanj’s Aufnahmen sind ein wertvoller Bestandteil, von denen viele noch nicht veröffentlicht wurden. In seinem Repertoire befinden sich Originale von turkmenischen, arabischen, persischen und kurdischen Sängern. Als Besonderheit erwähnt er, Aufnahmen von jüdischen Liedern aus dem Jahr 1954, als Juden noch in Erbil wohnten.
Menschen haben auch gemeinsam gesungen, egal welcher ethnischen Gruppe sie angehörten, erinnert sich Amjed. Auf seinem Laptop sehen wir uns ein Video an, eingeblendet ist das Jahr 1992. Im Rhythmus einer Melodie singen ein Turkmene und ein Kurde abwechselnd improvisierte Texte, in ihrer eigenen Sprache. Zwei Männer flankieren sie, und übersetzen. Das Improvisieren von Texten im Wechselgesang erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit, insbesondere bei Festen und Hochzeiten.

Amjed’s Leidenschaft ist die Musik, insbesondere die Lieder früherer Generationen. Er mag sie, wegen ihrer tiefgründigen Texte, wie er sagt. Viele beginnen zu singen, aus einer Situation oder aus einer Krise, die sie beschreiben. Sie erzählen Geschichten, ja sogar Namen werden genannt. Die Lieder bringen mich zum Tanzen, aber auch zum Weinen, beschreibt Amjed, und legt die nächste Kassette ein.
Die jüngeren Sänger sind nicht mehr gut, sie kopieren die Älteren, und das ist nicht das gleiche, klagt er, dabei fällt sein Blick auf die schwarz-weiß Bilder an der Wand. Mit ihnen habe ich gearbeitet, erzählt Amjed, doch die meisten sind bereits gestorben. Sie alle waren gute Sänger, keiner war wohlhabend und alle wurden krank, fügt er nachdenklich hinzu, und zündet sich die nächste Zigarette an. Heute bezeichnen sich viele Sänger als Künstler, doch sie sind keine Künstler, sie singen Lieder, lamentiert er seufzend.

Wer interessiert sich heute noch für seine Musikkassetten und die früheren Aufnahmen, frage ich ihn, auf eine kleine Auswahl CDs blickend, die er ebenfalls im Laden anbietet. Alle, nicht nur ältere, sondern auch junge Menschen. Dass er heute jedoch 90 % seines Umsatzes aus dem Verkauf der CDs bezieht, spiegelt den Lauf der Zeit.

Seine besten Jahre, erinnert sich Amenj, war die Zeit von 1976 – 1991. „Damals unter Saddam war alles gut, und das Leben billig. Danach wurde alles schlechter, das spiegelte sich auch in der Musik und in der Motivation Musik zu machen. Jetzt gibt es keine gute Musik mehr“, bedauert er. Die Anfal-Kampagne, bei der mehr als 188.000 Kurden durch das damalige Regime ermordet wurden, fällt auch in die von ihnen genannte gute alte Zeit, füge ich hinzu. Amenj reißt die Augen auf,  holt tief Luft, und legt los. Doch das ist eine andere Geschichte.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

2 Kommentare zu „Nostalgische Klänge und die gute alte Zeit“

  1. Eine ähnliche Musiktradition gibt es auch in Griechenland, wir haben einen Freund, der tausende von Tonaufnahmen aufbewahrt und katalogisiert hat. Auch hier gilt, dass die neue Musik „nichts taugt“, die Texte sind flach, nichtssagend geworden, und die Musik jammervoll.

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