Faszinierender und rätselhafter Flugverkehr über Amman

Während sich am späten Nachmittag Autos durch Amman’s Straßen drängen und Verkehrslärm durch all Ritzen der Innenstadt kriecht, kreisen Taubenschwärme über der Stadt, dirigiert von ihren Besitzern. Es ist mehr als beeindruckend ihnen zuzusehen, und ich gehe dieser Faszination auf den Grund.

Gemeinsam mit Yousif stehe ich auf seinem Hausdach und verfolge das himmlische Spektakel. Ausgelassen ziehen sie ihre Kreise und ihre Kleider glitzern im Licht der Sonne, die sich gerade verabschiedet. Dass sie nicht aneinander geraten, ist mir ebenso ein Rätsel, wie das unsichtbare Band, das sie verbindet. Gespannt verfolge ich die Formationen, die sich laufend verändern und im Kern doch immer eine Einheit bilden. Ein faszinierendes Schauspiel und ein Hauch Freiheitsgefühl nimmt den Betrachter mit. Yousif spannt die Lippen und pfeift in den Himmel. Kurz darauf sind alle seine Tauben zurück.

Für seine rund 50 Tauben hat Yousif Käfige in unterschiedlichen Größen auf seinem Flachdach errichtet. Sie wirken provisorisch, doch sie genügen. Aus dem größten Käfig holt er ein etwas ramponiertes Individuum und hält es behutsam in seinen Händen. Einer gewisse Rangordnung folgend, stellen einige Alfatiere Besitzansprüche auf ihre Sitzstangen. Und so geschah es, dass auch diese im Kampf Federn lassen musste und mit kahlem Kopf zurück blieb.  

Beobachtet Yousif gegenseitiges Interesse zwischen zwei Tauben, sperrt er sie zusammen in einen kleinen Käfig und hofft, dass im Liebesnest bald Jungvögel schlüpfen, denn schließlich geht es auch darum, den Tierbestand zu vergrößern. 

Die Taubenhaltung hat im Mittleren Osten Tradition und war in der Vergangenheit durchaus auch in der Mittelschicht verbreitet. In Amman ist es heutzutage vorwiegend ein Hobby der ärmeren Bevölkerung und somit auch auf bestimmte Stadtviertel begrenzt. Neben Zeitvertreib ist es für einige Besitzer auch zur Einkommensquelle in finanziellen Notzeiten geworden. Auch für Yousif. Seine Frührente, die er als ehemaliger Soldat bezieht, ist gering. Seit einem Schlaganfall ist seine rechte Körperhälfte teilweise gelähmt, sodass er seinen Job als Tagelöhner am Bau nicht mehr ausüben kann. Vor wenigen Tagen verkaufte er einige Tauben und erzielte einen Erlös von umgerechnet knapp 100 Euro. Davon lebt die achtköpfige Familie die nächsten Tage.

Dass sich Vögel gelegentlich anderen Schwärmen anschließen, kann passieren. Ebenso kommt es vor, dass mit unfairen Praktiken Tauben aus anderen Schwärmen angelockt werden. Dadurch ist das Hobby in den letzten Jahrzehnten in Verruf geraten, und führt auch immer wieder zu Streitereien zwischen den Besitzern. Die Ausreisser werden entweder anstandslos zurückgegeben, oder vom Besitzer zurückgekauft. Manche Fälle landen vor Gericht. 
Seitdem ein Zeuge aussagte, vom Vorfall nichts gesehen zu haben, da er die Vögel beobachtete, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Taubenzüchter nicht vor Gericht als Zeugen aussagen dürfen.

Das Geschäft mit den Tauben

Es ist Freitag, 9 Uhr morgens. Die Hauptstraßen der Innenstadt sind noch weitgehend leer, nur eine Seitengasse wird bereits belebt. Am Trottoir reihen sich Männer und verkaufen Tauben. Einige sind gesprächsbereit, andere nicht. 12 bis 18 Euro wollen die meisten für ein Stück. Die einen sind gekommen, weil sie ihrem Hobby frönen, die anderen, weil die Not sie zwingt.
Ein Kunde gewährt mir Einblick in seine Papiertüte. Soeben kaufte er zwei Tauben, um rund 70 Euro. 250 Stück hat er bereits. Die Vögel sind seine Leidenschaft, erklärt der Mitte 30er. Ein Junge huscht mit einem kleinen leeren Holzkäfig, der maßgeschneidert für ihn scheint, an uns vorbei und eilt seinem Vater hinterher. Die Begeisterung für Tauben wird oft über Generationen fortgesetzt. 

Die Taubenzucht ist schon längst vom Hobby zum Geschäft geworden, bestätigt auch Abu Ahmed, der einen Großhandel für Tierfutter im Stadtzentrum betreibt. Abu Ahmed’s Handel floriert, vor seinem Geschäft werden verschiedene Körnermischungen in 50 kg Säcke gefüllt und auf Pritschenwagen geladen. Auf seiner Visitenkarte ist eine schwarze Taube mit schmalem, langgewachsenem Hals abgebildet. Eine Baghdadi aus Syrien, erklärt er, sehr wertvoll. Der höchste Preis, der jemals für eine Baghdadi bezahlt wurde, war umgerechnet 19.000 Euro für ein Pärchen, erinnert sich Abu Ahmed, der das Geschäft seit Jahrzehnten kennt.  

Wie sehr der Taubenhandel zum Geschäft geworden ist, verdeutlicht der BBC Artikel „In search of Syria’s pigeon smugglers“.

Früher lief der Handel mit wertvollen Tauben über Kontaktmänner und man kaufte sie ohne den Besitzer zu kennen, erinnert sich Abu Ahmed. Heute wird ein Großteil des Geschäfts direkt mit dem Besitzer über Facebook abgewickelt. Noch heute werden Preise bis zu knapp 2,500 Euro für ein wertvolles Exemplar bezahlt.

Das etwas andere Vogelhaus

In einem zweistöckigen Gebäude, in dem einst ein hochrangiger Polizeioffizier gewohnt haben soll, sind nun Tauben untergebracht. Eine schmale Treppe führt in den ersten Stock. Räume wurden zu Käfigen umgebaut bzw. mit solchen ausgestattet. Mitten drinnen treffe ich Tala, aus Syrien. Einst Besitzer einer Olivenplantage in der Nähe von Aleppo, versucht er nun mit der Taubenzucht seine 2 Frauen und 18 Kinder zu ernähren. So ganz klappt es nicht, und seit Covid-19 ist das Geschäft zurückgegangen, klagt der Mann. Auch er besitzt zwei schwarze Baghdadis, und nimmt eine aus dem Käfig. Er spuckt ihr aufs Auge, reibt daran bis es rot leuchtet, und betont damit die Schönheit. Knapp 700 Euro kostet sie, ein Wert der sich nur dem Experten erschließt. Mit dem Verkauf einer Baghdadi hätte Tala drei Monatsmieten für den Raum, in dem er die Tauben untergebracht hat, abgegolten. Denn auch dieser hat seinen Preis.

Im Stockwerk darüber, wäscht ein junger Mann den Steinboden des Raumkäfigs. Er macht das täglich. Der Taubenkot wird durch ein Mauerloch auf das benachbarte unbewohnte Grundstück geleitet, wo Palmen und Bäume gut gedüngt zwischen den Betonwänden wuchern.

Die Faszination

Die Begeisterung für Tauben hat unterschiedliche Gesichter. Eines davon ist ein sportliches. Die Besitzer trainieren die Tauben und nehmen durch Zeichen Einfluss auf das Flugverhalten des Schwarms. Der sportliche Geist besteht darin, wer seinen Schwarm am besten im Griff hat und die schönsten Vögel besitzt.

Andere sehen darin eine Freizeitbeschäftigung, die einen Augenblick von den Alltagsproblemen ablenkt. Sie finden darin Ruhe und mit der Aufgabe einen Rückzugsort. Besonders während des Lockdowns infolge der Corona-Krise fanden viele Besitzer seelischen Halt, indem sie sich mit ihren Tauben beschäftigten konnten.

Und dann gibt es noch das große Geschäft mit den wertvollsten Spezies. Doch diese Fährte habe ich für diesen Beitrag nicht aufgenommen.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

Ein Gedanke zu „Faszinierender und rätselhafter Flugverkehr über Amman“

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s