Zitadelle: die Stadt in der Stadt

Umgeben von Palästen und Resten vom Glanz streife ich durch ein Labyrinth von Gassen. 30 Meter Geschichte sind unter meinen Füßen begraben. Vom Balkon der Außenfassade blicke ich auf die Stadt … ein bisschen träumen von 1001 Nacht.

Erbil’s Zitadelle ist eine historische Siedlung und seit rund 6.000 Jahren durchgehend bewohnt. Was sich als solide Festungsmauer präsentiert, sind aneinander gereihte Häuser, errichtet auf Schichten übereinander gelagerter Ruinen aus unterschiedlichen Zeiten der Besiedlung. Der Wiederaufbau über mehrere Jahrtausende ließ die Stadt zu einem archäologischen Tell von 30 Metern Höhe wachsen. Rund 500 Häuser zählt die Zitadelle, in der bis vor Kurzem noch 5.000 Menschen lebten.

 

Ich spaziere durch die Gassen, die an manchen Stellen gerade einmal einen Meter breit sind, wo sich Häuser willkürlich aneinander reihen. Hohe Mauern schützen die Bewohner vor fremden Blicken, Wohnräume, die an die Gassen grenzen, haben kleine Fenster oder nur Lüftungsschlitze im oberen Bereich. Gelegentlich fallen originelle Legearbeiten der Lehmziegel auf. Die Bauten entsprechen dem Stil traditioneller arabischer und islamischer Städte und die Baustruktur lässt auf eine konservative Gemeinschaft schließen, die von starkem Zusammenhalt und Konformität geprägt war. Der Zusammenhalt leitet sich aus den Stammesstrukturen und der Blutsverwandtschaft her und wurde durch islamische Tradition und Werte gestärkt. Solche Werte betonen die Unterstützung von Verwandten und den Respekt von Nachbarn wie die eigene Verwandtschaft, erklären Forscher der Zitadelle.

 

Die Häuser haben ihre charakteristische Form und Bauart weitgehend beibehalten und wurden ausschließlich aus gebrannten Lehmziegeln errichtet. Für das Dach wurden häufig Holzbalken und Lehm verwendet. Das Flachdach ist meistens über eine Treppe zugängig. Jedes Haus hat einen Innenhof, oft steht dort auch noch ein Baum.

 

Dort wo die Mauer eingestürzt ist oder die Eingangstür fehlt, trete ich ein.
Im Innenhof wuchert Gestrüpp, ein ausgetrockneter Granatapfel hängt noch am Baum. Holzpfeiler stützen die Überdachung und wirken geschwächt, der Türrahmen mit seinen Ornamenten aus Stein kommt nur wenig zur Geltung. Eine Plastikplane ist über das Dach gespannt und schützt die Reste des Juwels vor dem Regen und weiteren Verfall, denn für die Renovierung fehlt das Geld. Im Rauminneren befinden sich zahlreiche Nischen mit Rundbögen im orientalischen Stil zur Ablage. Obwohl der bauliche Verfall bereits einsetzte, ist der Glanz aus besseren Zeiten nicht zu übersehen.

 

Aufgrund schwieriger sanitärer Bedingungen zogen in den 1930er Jahren die reicheren Familien von der Zitadelle weg, in weiterer Folge auch der Rest der Bevölkerung. Seit den 70er Jahren beeinflußten mehrere Zuwanderungswellen die Bevölkerungsstruktur. Die Besetzung der Häuser war ein weiteres Phänomen, und der Verfall setzte ein. Hauptgründe für die Zerstörung der Lehmbauten waren die mangelnde Instandsetzung der Häuser durch den Zuzug vorwiegend armer Menschen, hohe Siedlungsdichte, undichte Wasserleitungen und Kanalisation führten zu Unterspülungen, denen die Baustruktur oft nicht mehr stand hielt. Die Hausbesetzung wurde von schwierigen sozialen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen begleitet und führte letztendlich dazu, die Zitadelle Ende 2006 zu evakuieren. Die „High Commission for Erbil Citadel Revitalization (HCECR) wurde gegründet, um die Zitadelle wissenschaftlich und systematisch zu erforschen, zu bewahren, zu restaurieren und zu revitalisieren.

Seit 2014 ist die Zitadelle UNESCO Weltkulturerbe.

 

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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