We rocked the Bretagne

Es gibt Wege, die wollen irgendwo hin. Und es gibt Wege, von denen man hofft, sie mögen niemals enden. Die Küstenpfade der Bretagne gehören zur den letzteren. 

Der Weg kennt keine gerade Linie. Er schmiegt sich an die Küste, verliert sich hinter Felsen und taucht ein Stück weiter wieder auf. Links das Land, rechts das Meer – oder umgekehrt, je nachdem, wie oft wir stehen bleiben, uns umdrehen und noch einmal zurückschauen. 

Immer wieder geben Felsen Buchten frei: heller Sand, türkisfarbenes Wasser, leuchtende Farben zwischen Granit. An einer davon tauchen wir ein, kühlen uns ab, und ziehen erfrischt weiter. 

Am Ende bleiben Salz auf der Haut, Wind im Haar und die leise Gewissheit, dass ein Weg nicht spektakulär sein muss, um glücklich zu machen. Manchmal genügt es, wenn er einfach nur am Meer entlangführt.

Küstenwandern: Rock around the Coast 

Sie liegen übereinander, nebeneinander, manchmal scheint ein ganzer Fels auf einem einzigen Punkt zu balancieren. Als hätte jemand mit ihnen gespielt und sie anschließend einfach liegen gelassen. Die berühmten rosaroten Granitsteine der Bretagne. Rosarot, heißt es. Dabei sind sie erstaunlich wenig rosa. Eindruck machen sie trotzdem.

Manche wirken rundgeschliffen und beinahe weich, andere schroff und kantig. Einige türmen sich so unwahrscheinlich aufeinander, dass man der Schwerkraft nicht recht traut. Der Weg schlängelt sich zwischen ihnen hindurch, führt über sie hinweg und manchmal direkt unter ihnen vorbei.

Man möchte sie berühren, besteigen, umrunden – oder einfach nur davorstehen und sich ein wenig kleiner fühlen. 

Ebbe und Flut: Wenn das Meer verschwindet

Bei Ebbe zieht sich das Meer so weit zurück, dass die Boote auf dem Sand liegen bleiben. Wege führen plötzlich dorthin, wo kurz zuvor noch Wasser war. Der Meeresboden tritt hervor: Muscheln, Tang, glatt geschliffene Steine – und manches, das besser verborgen geblieben wäre. 

Irgendwann hält die Bewegung inne. Dann kehrt das Meer zurück. Zunächst fast unmerklich sammelt sich das Wasser in den Rinnen, umspült die Steine und schiebt sich über den freigelegten Grund. Doch bald ist sein Vordringen nicht mehr zu übersehen. Wege verschwinden, Felsen werden zu Inseln, und die gestrandeten Boote heben sich langsam wieder vom Boden.  

Die Strände werden schmaler. Der Weg zum Wasser, eben noch beinahe endlos, wird kurz. Und wo man zuvor über Steine gegangen ist, schwimmt man über sie hinweg.

Innerhalb weniger Stunden liegt alles wieder unter Wasser.  Die Landschaft bleibt – und ist doch eine andere. 

Das Ende der Welt

Der Wind kommt ungebremst vom Atlantik. Lange sanfte Wellen brechen an den Untiefen. Selbst an diesem sonnigen Tag lassen die zerklüfteten Felsen erahnen, welche Wucht das Meer entfaltet, wenn es sich austobt. 

Über uns spielen die Möwen mit dem Wind. Fast ohne Flügelschlag stehen sie in der Luft, lassen sich hochtragen, kippen zur Seite und steigen wieder auf. Dabei behalten sie die Wanderer und Ausflügler aufmerksam im Blick. Eine wagt sich an meinen Apfel, pickt hinein – und lässt ihn dann doch liegen. War wohl nichts.

Draußen im Licht zeichnen sich zwei Leuchttürme nur schemenhaft ab. Dahinter scheint nichts mehr zu liegen als das Meer.

Aus Felsen werden Häuser

Der Granit prägt nicht nur die Küste. Er formt auch Kirchen, Häuser und schwere Mauern. Wir wandern durch Dörfer, in denen das Mittelalter nur wenige Schritte zurückzuliegen scheint. Ganze Straßenzüge wirken, als seien sie aus demselben Stein gefügt, der draußen am Meer in gewaltigen Blöcken liegt.  

Die Bretagne hat genutzt, was sie im Überfluss besitzt: Stein, Geschichte und ein erstaunliches Talent für Atmosphäre. 

Vom Ende der Welt in den Zauberwald

Nach Felsen, Klippen und mittelalterlichen Mauern verändert die Bretagne noch einmal ihr Gesicht. Der Weg führt in einen Wald, in dem sich Äste über die Pfade neigen, Farne den Boden bedecken und das Licht nur gefiltert durch das Blätterdach fällt.

Eben noch standen wir am gefühlten Ende der Welt, nun gehen wir mitten durch einen Zauberwald. Die Bretagne kann einfach alles. 

Vielleicht liegt es am Licht. Vielleicht am Meer. Vielleicht auch daran, dass hier niemand den Eindruck erweckt, es besonders eilig zu haben. Die Bretagne trägt die Schönheit ziemlich lässig. 

Nach einer Woche nehmen wir etwas von ihrem Rhythmus mit: das Gehen, das Schauen, das Stehenbleiben – und die Erinnerung an eine Landschaft, die sich mit jeder Wegbiegung verwandelt, ohne je ihre Ruhe zu verlieren. 

We rocked the Bretagne – und sie uns. 

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Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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