Das verwaiste Nest

DSC_0743

Rust/Erbil/Peschmerga. Der Anblick eines lebendigen Storches, der am Straßenrand stand, weckte im heurigen Sommer das Kind in mir. Die Begeisterung war überbordend, und als ich die Storchennester auf den Kaminen entdeckte, war ich völlig aus dem Häuschen. Die Begegnung ereignete sich in einer kleinen Ortschaft namens Rust am Neusiedlersee in Österreich. Mein inzwischen etwas verblasstes Schulwissen lehrte mich, wenn es kälter wird, ziehen Störche alljährlich in den Süden. Ja aber, wohin eigentlich?  – frage ich mich.

DSC_0749Im Dunst einer Wasserpfeife und bei einer Tasse Tee beobachte ich von der Dachterrasse das bunte Treiben im Erbiler Zentrum: vorbeirollende Taxis, Menschen, die sich in und aus dem Bazar drängen, Männer, die am Straßenrand sitzen und diskutieren, hübsche Mädchen, die für ihre Selfies posieren – und natürlich die Kulisse, die mich umgibt: Springbrunnen, orientalisches Gemäuer, Arkaden, der Uhrturm, das Minarett – mein Blick verfängt sich. Eine schwarze Knolle am höchsten Punkt des Minaretts. „Was ist das denn?“, frage ich mein Gegenüber.  Ein Nest – genauer gesagt, ein Storchennest, war die Antwort. „Ein Storchennest!“, platzt es ungebremst aus mir und ich starre auf das etwas deformierte Gebilde. Und – es schreibt Geschichte.

Die Kurden tragen ein schweres Schicksal. Als Folge des ersten Weltkrieges als Volk zerrissen, waren sie als Minderheit im Irak unter Saddam Husseins Regime schweren Repressalien, Verfolgungen, Zwangsumsiedelungen bis hin zum Völkermord ausgesetzt, und – sie waren auch uneins unter sich. Basierend auf Klanstrukturen teilen sich die Kurden politisch in zwei Hauptströmungen: einerseits der konservative und traditionelle Norden, andererseits der offene und moderne Süden. Auseinandersetzungen um Machtansprüche wurzeln tief. 1994 spitzte sich die Lage zwischen den rivalisierenden Parteien erneute zu, und es kam zum Kurdenkrieg (1994-96). Bei den Kämpfen wurde der Storch, der sein Nest auf dem Minarett am Fuße der Zitadelle ausgewählt hatte, erschossen.

Ein Gedicht, erinnert an dieses Ereignis.

Jedes Jahr kam ich zu euch,
ich war Zeuge eurer Wunden.
Ich weinte über euer Blut, und über euer Leid.
Jedes Jahr zum Neujahrsfest, brachte ich euch,
als erster, diese gute Nachricht.
Die Liebe zu Euch ließ mich bleiben,
obwohl ich überall hätte hinfliegen können.
Jetzt sterbe ich, von eurer Hand.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

2 Kommentare zu „Das verwaiste Nest“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s