Alltag bei Mitte vierzig

Wie kleine Perlen rollen sie über meinen Rücken, während die ersten unter den Anwesenden bereits Konturen verlieren. Der offizielle Teil der Veranstaltung ist vorbei, und Männer streifen ihre Sakkos ab, sofern der Zeitpunkt dafür noch nicht überschritten ist. Hemden zeichnen ab, was ist. Bagdad, 45 Grad. Ein ganz normaler Tag.

Während meine Landsleute in Europa über Hitze klagen, leben wir im Irak seit Wochen mit Temperaturen, die noch einmal fünfzehn Grad darüber liegen. Glücklich schätzen sich jene, die rund um die Uhr Strom haben und ihre Räume kühlen können – eine Minderheit im Land.
Selbst offizielle Veranstaltungen finden gelegentlich im Freien statt, wie kürzlich in Bagdad. Wir stehen vor den „Schwerten von Kardesia“, einem Monument, das aus Resten von Waffen aus dem ersten Golfkrieg gegossen wurde. Es ist 9 Uhr morgens, Windstille, und über dem Asphalt flimmert bereits die Hitze. Ein dünner Schleier aus Wolken liegt über dem Himmel, doch das Licht bleibt grell, die Sonne unerbittlich.
Ich bewege mich so langsam wie möglich und so schnell wie nötig. Unter einem Baum finde ich einen schmalen Streifen Schatten.
Die Gäste treffen ein.
Schon nach wenigen Minuten beginnt jeder Körper, sich auf seine Weise gegen die Hitze zu wehren.

Der erste Tropfen löst sich unter meinem linken Schulterblatt. Mit sicherem Abstand  zur Leinenbluse sucht er sich seinen Weg über den Rücken bis zum Hosenbund. Weitere folgen. Auch am Schienbein bilden sich kleine Perlen, wo das ausgestellte Hosenbein genügend Luft lässt. Meine bunt gemusterte Hose erweist sich als kluge Wahl. Der Blumendruck verschluckt die Feuchtigkeit beinahe unsichtbar. Den meisten Männern bleibt diese Tarnung verwehrt. Dunkle Flecken breiten sich auf Hemden und Hosen aus. Mit jedem Tropfen verlieren die Stoffe ihre Distanz zum Körper, bis sie mehr enthüllt als verhüllt.

Nur meine weiße Bluse verrät mich langsam. Noch verbirgt sie der ärmellose Blazer. Als der offizielle Teil endet, wäre der Moment gekommen, ihn auszuziehen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Sie klebt an den Spitzen meiner Unterwäsche. Also bleibt der Blazer, wo er ist.  Auf Schminke habe ich heute morgen verzichtet. Eine gute Entscheidung.

Eine leichte Brise wäre jetzt ein Geschenk. Sie kommt nicht.

Ich erinnere mich an ähnliche Temperaturen in Timbuktu, vor fünf Jahren. Der Weg von der Unterkunft ins Büro führte durch eine schmale Seitenstraße im Wüstensand. Morgens und spät abends fühlte sich dieser kühl an. Mittags verbrannte er die Fußsohlen. Mit Sandalen war er kaum noch zu überqueren. Deshalb trug ich zu Mittag Socken.

Dort war die Hitze etwas anderes als in Bagdad. Schweißtropfen hatten keine Chance. Noch bevor sie die Haut erreichten, nahm sie der Wind mit sich. Sonne und trockene Luft verschluckten jede Feuchtigkeit. Man wusste, dass man schwitzte, ohne es jemals zu spüren.

Auch Gujarat drängt sich in meine Erinnerung. Es war 2001, wenige Monate nach dem verheerendem Erdbeben. In unserem Büro in Surendranagar gab es keine Klimaanlage. Bei Temperaturen weit über vierzig Grad arbeiteten wir mit Ventilatoren – sofern Strom vorhanden war.

Oft verweigerte mein Laptop den Dienst. Also stellte ich einen Standventilator direkt vor dem Schreibtisch und richtete ihn auf das Gerät. Wenn selbst das nicht mehr reichte, baute ich den Akku aus und lege ihn für einige Minuten ins Tiefkühlfach des Kühlschranks und streckte meinen Kopf für einige Sekunden gleich hinterher. Vorausgesetzt, wir hatten Strom. Das tat uns beiden gut. So hielten wir beide über Monate durch.

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Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

6 Gedanken zu „Alltag bei Mitte vierzig“

  1. liebe regina,

    sehr schön geschrieben! ich habe deien hitzeblog mit vergnügen gelesen.

    wir sind kurz vor der abreise. am sonntag fliegen wir nach australien und wollen ein jahr bleiben. ich hoffe, dass wir in kontakt bleiben und werde dir auch meine reiseblogs schicken.

    liebe grüße und eine gute zeit

    uschi

    Uschi Christl http://frauenleben.eu http://travel.projects.at

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    1. Liebe Uschi, vielen Dank! Mensch, da seid ihr morgen weg. Ich wünsche Euch eine wunderschöne Reise -fantastische Eindrücke, interessante Begegnungen und ich werde mit viel Freude deine Texte und Fotos verfolgen. Ganz liebe Grüße

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