Das VW-Käfer Hotel

Dort wo man ihn nicht erwartet, steht er, der Alt-Fünfziger, aufgebockt auf steinernem Fundament. Ich checke ein, staune über Raum und Komfort und lausche der nächtlichen Stille. 

Welcome, welcome empfängt mich Abu Ali in seiner Höhle. Wo einst Menschen lebten und später Pferde eingestellt waren, empfängt der Hausherr seine Gäste mit Tee, Kaffee und Geschichten. Die Höhle ist, wenn man so will, die Lobby, die Küche, ein Souvenirladen, ein bisschen Museum und Abu Ali’s Schlafzimmer.

„The smallest hotel in the world“

Abu Ali ist, wie seine jüngste Geschäftsidee, ein Unikum. 1990 wurde der heute 65-jährige als Sicherheitsbeamte pensioniert. Seine kleine Rente genügte nicht, um seine fünfköpfige Familie zu ernähren, und Abu Ali setzte seine Berufslaufbahn als Touristenführer bis nach Israel fort. Während dieser Zeit kaufte er von einem Freund einen alten VW-Käfer. Wegen eines Motorschadens stand dieser nach zwei Jahren still. Abu Ali bastelte aus dem alten Wagen ein – wie er es nennt – Hotel und wirbt mit dem Slogan: „The smallest hotel in the world“.

Touristenselfies

Seitdem über Abu Ali’s VW-Käfer-Hotel in so manchen Reiseführern und Zeitschriften berichtet wurde, zieht es auch zahlreiche Touristen an diesen abgelegenen Ort. Die meisten von ihnen halten jedoch nur kurz, posieren vor und selbstverständlich im Käfer, springen zurück ins Auto, und fahren davon. Der dezente Hinweis „1 $ Roomservice“ kommt mit aufs Foto. Nicht alle Besucher finden es der Mühe wert, nachdem sie im Hotel probelagen, sich auch kurz Zeit für Abu Ali’s Gastfreundschaft zu nehmen, wie es der jordanischen Kultur entsprechen würde. Eine Tasse Tee oder Café gegen ein kleines Trinkgeld wäre anstandsgemäßes Verhalten.

Steirischer Landesschützenverband und mehr

In der Höhle staune ich über Abu Ali’s Sammelsurium: König Abdullah II ist porträtiert auf einem Wandteppich, daneben ein gerahmtes Foto auf dem seine Exzellenz Abu Ali die Hand schüttelt, Tischteppiche mit Kamelmotiven, Steine, Tonkrüge, kupferne Sperrspitzen, alte Münzen und kleine Siegel. Abu Ali zieht eine Plakette hervor und zeigt sie mir vertrauensvoll. Darauf steht Steirischer Landesschützenverband. Auf der Rückseite Meisterschaft. „Woher hast Du die?“, frage ich ihn erstaunt. In den Bergen gefunden, antwortet er. Ist die Münze wertvoll, frage er erwartungsvoll?

Stolz zeigt mir Abu Ali seine Gästebücher. Eintragungen von Besuchern aus der ganzen Welt – ein deutscher Brigadier, ein französischer Attaché, ein britischer Archäologe, ein amerikanischer Botschafter, ein Beamter aus dem österreichischen Justizministerium, Repräsentanten vom House of Lords und viele andere haben ihre Visitenkarten hinterlassen. Ich auch.

Karge Landschaft

Im Hotel habe ich keinen Handy-Empfang, deshalb spaziere ich mit Abu Ali ein Stück die Straße talauswärts, um einen Termin für den nächsten Tag zu organisieren. Ein Beduinenjunge kommt uns auf seinem Esel entgegen, er reitet seiner Ziegenherde hinterher und verschwindet hinter dem Berg. Abu Ali bleibt stehen und zeigt auf das Haus am gegenüberliegenden Hang. „Das ist mein Elternhaus“, erklärt Abu Ali. „Früher war hier das ganze Tal grün. Im Garten hatten wir Oliven- und Aprikosenbäume. Wir hatten Schafe und Ziegen. Es gab immer viel zu tun, aber uns ging es gut und wir waren zufrieden.“ Seit Abu Ali’s Eltern verstorben sind, steht das Haus leer, so wie die meisten Lehmhäuser entlang des Flussbettes, am Fuße der alten Kreuzritterburg Montreal. Die Menschen zogen im Laufe der Jahre von hier weg, als das Wasser immer knapper wurde und Landwirtschaft und Viehzucht nicht mehr möglich waren. Ich blicke auf einen ausgetrockneten Fluss,  karge Landschaft so weit das Auge reicht. Ein paar Ziegen rupfen die letzten trockenen Halme und knabbern an Dornenbüschen.


Dorfgemeinschaft

Nach einem kurzen Telefonat, kehren wir zurück. Im Beduinenzelt, das vor der Höhle und gegenüber dem Hotel aufgebaut ist, serviert Moussa Minztee. Abu Ali ist eine Institution. Abends kommen Männer aus den Nachbargemeinden auf einen Tratsch vorbei. Heute ist auch Sheikh Ibrahim zu Gast, eine Persönlichkeit in der Region. Auch er besitzt ein Haus in dieser verlassenen Siedlung. In den Sommermonaten lebt er mit seiner Familie im Zelt, dort, wo es für seine Schaf- und Ziegenherde noch etwas zu fressen gibt. Die Männer erzählen alte Geschichten und tauschen Neuigkeiten aus. Sheikh Ibrahim ist verärgert, denn letzte Woche riss ein Fuchs seine beiden Kaninchen.

Abend, Nacht und Abschied

Mit dem Einbruch der Dunkelheit kehrt Ruhe ein. Ein Großteil der Gesellschaft hat sich bereits verabschiedet. Inzwischen hat Abu Ali’s Frau, sie lebt im benachbarten Dorf, das Abendessen zubereitet, das soeben angeliefert wurde. Wir essen gemeinsam. Anschließend gibt es noch eine Tasse Tee in Abu Ali’s Höhle, im Fernseher läuft National Geographie. Eine Satellitenschüssel ermöglicht den Empfang von BBC, der Strom kommt aus dem Nachbardorf.

Kurz darauf ziehe ich mich in mein schmuckes Hotel zurück. Gut gebettet in blumigem Textil und handbestickten Polstern verbringe ich eine außergewöhnliche, wenn auch kurze Nacht. Denn mit den ersten Sonnenstrahlen stehe ich auf, noch bevor der erste Tourist seine Nase bei der Tür hereinsteckt und vor dem VW-Käfer Hotel für ein Selfie posiert.

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Zum Abschied schenkt mir Abu Ali noch eine Kette und einen Schal, der mich bei meinen Wanderungen vor der Sonne schützen soll. Denn diese kann im Sommer sehr heiß sein, wissen wir beide. Rasch imitiert er noch den Ruf eines Kamels und wünscht mir eine gute Fahrt.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

3 Kommentare zu „Das VW-Käfer Hotel“

    1. Merci beaucoup pour votre message. Malheureusement, je n’ai pas de numéro de téléphone d’Abu Ali. Il vaut mieux y aller. Si l’hôtel est occupé, ce qui est peu probable, vous pouvez certainement dormir dans la tente bédouine en face ou dans la grotte chez lui. Salutations, Regina

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