Quarantainment #2

Wenn ein Strauß Petersilie gegenüber einem Strauß Rosen an Bedeutung gewinnt, dann signalisiert das Glück im Ausnahmezustand. Normal ist anders.   

Zweite Zwischenzeit: 21 Tage Homeoffice, 16 Tage Ausgangssperre.

Es gibt durchaus aufregende Momente im Ausnahmezustand, etwa wenn der Riss in der Versorgungskette gekittet und eine Quelle von frischem Gemüse erschlossen ist. Dabei kann in Zeiten wie diesen nicht nur das was, sondern auch das wie beglückend sein. Um die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten sicherzustellen, hat die jordanische Regierung den individuellen Bewegungsradius von 500 auf 1000 Metern erweitert.

Seit zehn Uhr sind kleine Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Banken geöffnet, noch sind die Straßen nahezu leer. Ein paar Polizisten stehen, wo im Laufe des Tages mehr Menschen erwartet werden, ihr Mundschutz zwingt zum Blickkontakt. Unterwegs treffe ich eine Bekannte, die zum entferntesten Geschäft innerhalb ihres Radius joggt, ein anderer überholt mich mit seinem Fahrrad. Hunde werden von ihren Besitzern ausgeführt. Vor einem kleinen Geschäft reihen sich fünf Personen mit erforderlichem Mindestabstand.

Amman wirkt in diesen Tagen beschaulich. Ruhe und Zeit schärfen die Sinne. Hier ein zartes Blümchen, das sich zwischen den Steinritzen der Sonne entgegenreckt, dort eine ausdrucksvolle Wandmalerei, die mir bisher verborgen blieb. Der Himmel strahlt blau, die Morgensonne wärmt und erweckt Heiterkeit, frische Luft möchte geatmet werden. Von den Bäumen zwitschern die Vögel und frohlocken.
Menschen werden aufeinander aufmerksam. Wir grüßen uns mit „Salam“ und lächeln einander freundlich zu. Der Herr möchte noch wissen, woher ich komme, wir wünschen uns Gesundheit und einen schönen Tag und gehen weiter. Ein dezenter, unaufdringlicher Hauch frischer Morgenhygiene schwingt den Entgegenkommenden hinterher.

Angelockt von ein paar Obstkisten am Gehsteig finde ich schließlich wonach ich suche, eine Geschäft, eine Oase, gefüllt mit frischem Gemüse aus der Region: Tomaten, Gurken, Paprika, ein Strauß Petersilie, ein Strauß Minze, Äpfel, Kartoffeln, Orangen und noch mehr. Alleine der bunte Anblick führt zur Eruption von Glücksgefühlen. Ich wähle bedacht, von überall ein bisschen. Mit vollem Rucksack und der Vorfreude auf eine frische Salatvariation kehre ich zurück nach Hause. Dort angekommen freue ich mich über meinen Einkauf und 8.650 Schritte.

Das Handy piepst. Mein Kollege schickt ein Foto mit sechs Flaschen Pinot Noir. „Wahnsinn!“ schreibe ich zurück, springe auf, laufe zwei Stockwerke tiefer und dem nächsten Glück entgegen. Wie eine Fata Morgana stehen sie vor mir, ich schnappe mir drei. Zur Freude des Tages koche ich eine Gemüsequiche.
Der Abend ist vollkommen mit der besten Gemüsequiche, beim besten Glas Wein, in bester musikalischer Gesellschaft am Fensterbankl von Andie Gabauer.

Am Donnerstag wird für Freitag erneut totale Ausgangssperre verkündet, das bedeutet, niemand darf sein Haus verlassen und alle Geschäfte werden geschlossen sein. Auch in der deutschsprachigen Frauengruppe auf WhatsApp wird darüber geschrieben. Der Hinweis, „danach ist wieder alles normal“ trifft mich wie ein elektrischer Schlag. „Nein, nicht normal, nur die kleinen Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet“ kommt mir ein Gruppenmitglied mit ihrer Antwort zuvor, und ich atme weiter. Wie schnell Veränderungen zur Normalität werden, denke ich, und wie wichtig es ist, zwischen einer sich einschleichenden Routine im Ausnahmezustand und Normalität zu differenzieren, führe ich meinen Gedanken zu Ende.

Es ist 18 Uhr, die Sirene heult und markiert wie jeden Abend eindringlich die Ausgangssperre. Ich schlage den Laptop zu, schalte vom Arbeits- in den Freizeitmodus und lehne mich entspannt zurück. Die Sirene schafft Orientierung und ich habe mich  bereits daran gewöhnt, wohl wissend, normal ist anders.

In diesem Sinne, wünsche ich wie immer allen Leserinnen und Lesern: g’sund bleiben!

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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