Fotostrecke: Das Geheimnis der Wüste

Das faszinierende an der Wüste ist die Stille, diese unglaubliche Stille und das Gefühl der grenzenlosen Freiheit. 

Es ist das Knistern des Feuers, das mich heute morgen weckt. Das Licht hat die Sterne bereits verschlungen und greift spärlich um sich. Noch wirkt die Landschaft blass, der Morgennebel schlummert geschützt zwischen den Felsen und die Kamele kauen friedlich am Busch, an dem sie befestigt sind. Die Luft ist frisch am frühen Morgen und ich krieche langsam unter meiner benetzten Decke hervor.  

Ali ist dem Sonnenaufgang voraus und knetet bereits den Brotteig. Zum Frühstück gibt es heute ein traditionell zubereitetes Beduinen Brot, das direkt in der heißen Asche gebacken wird. Zwischendurch wird es zweimal gewendet, dann kräftig abgeklopft und in Stücke geteilt. Ein sehr gehaltvolles Brot, das warm am besten schmeckt. Wir dippen es in Olivenöl und Zatar, eine arabische Gewürzmischung aus getrocknetem Thymian, Sesamkörnern und Salz. Auch Hummus wird serviert.

Der „Bedouin Coffee“ 

Bedouin Coffee

Ali röstet Kaffeebohnen in einer Pfanne und zerstoßt Kardamom in einem Mörser aus Messing. Wie einst üblich, schlägt er mit dem Stößel einmal kräftig gegen den Mörser, somit wußten die Nachbarn, dass der Kaffee zubereitet wird. Der zerkleinerte Kardamom wird in einer Kanne mit Wasser aufgekocht. Danach werden die gerösteten Kaffeebohnen im Mörser zerkleinert und mit einem erneuten Schlag gegen die Mörserwand wussten die Nachbarn, dass der Kaffee gleich fertig sein wird, und sie nun kommen können. Die zermalmten Kaffeebohnen werden in einer zweiten Kanne mit dem Kardamomwasser aufgegossen und nochmals kurz erhitzt, bevor er in kleinen Schalen serviert wird. Der Kaffee ist ein Teil der beduinischen Kultur und Ausdruck ihrer Gastfreundschaft. Sowohl die Zubereitung als auch das Kaffeetrinken folgen einem bestimmten Ritual. Beispielsweise wird Kaffee nur bis zu dreimal nachgeschenkt. Hat man nach der ersten oder zweiten Tasse bereits genug, schwenkt man sie in der Hand. Die Tasse wird nie abgestellt, es sei denn, der Gast hat ein Anliegen.

Unterwegs mit den Kamelen

Nach dem Frühstück werden die Kamele gesattelt. Bevor es los geht bekommen sie noch ein wenig Hafer und Wasser, denn es liegt eine Strecke von 40 Kilometern vor uns. Mit dem Kamel durch die Wüste zu ziehen ist nicht nur die umweltfreundlichste, sondern auch die authentischste Weise, dieser näher zu kommen. Insgesamt sind wir vier Tage unterwegs und folgen den ehemaligen Spuren der Karawanen. Ali und Abdallah begleiten uns mit dem Fahrzeug und wir treffen sie an vereinbarten Plätzen zu Mittag und am Abend. Ich staune immer wieder, dass wir uns in der Wüste fern von Internet und Google Map finden. Zwar haben die größeren Berge bzw. Bergketten einen Namen, doch sind die Angaben, vor oder rechts vom Berg in dieser Dimension doch ziemlich wage. Zudem wählt Ali den Platz jeweils entsprechend dem Sonnenstand, den Windverhältnissen und dem vorhandenen Futter für die Kamele, sodass er nie ganz genau weiss, wo er seine Küche und den Rast- bzw. Schlafplatz aufbauen wird. Aber wahrscheinlich ist es gerade dieses gemeinsame Verständnis, dass Beduinen teilen und jede nähere Definition überflüssig macht, und wofür unsere Sinne nicht entwickelt sind.

Wir durchqueren ein breites Tal, wo auch Khalid einst mit seiner Familie unterwegs war und er erzählt von seiner Kindheit. „Wir lebten immer mehrere Familien in kleinen Gruppen und suchten Plätze, wo es genug Futter für unsere Ziegen und Kamele gab. Meine Mutter erzählte, dass hier einst das ganze Tal ganzjährig grün war.“ Heute gibt es vereinzelt trockenes Buschwerk. Wie sehr sich die Zeit geändert hat, verdeutlich Khalid folgendermaßen: „Wenn wir früher hier Hilfe brauchten, war immer eine Beduinenfamilie in der Nähe zu finden. Wenn Du heute hier mit dem Auto eine Panne hast, hängst Du fest und wartest unter Umständen drei Tage bis vielleicht jemand vorbeikommt.“

Dass wir uns abseits der Touristenroute befinden wird auch dadurch deutlich, als plötzlich ein Beduine mit seinem Auto auf uns Kamelreitende zufährt. Er sah uns von der Ferne und da die meisten Beduinen inzwischen mit Fahrzeugen unterwegs sind, wollte er sich vergewissern, dass alles in Ordnung sei und fragte, ob wir etwas brauchen. 

Die Wüstenlandschaft, die wir durchstreifen, ist atemberaubend und abwechslungsreich. Mal laufen wir im Sand den Hügel hoch, dann queren wir steiniges Gelände oder wandern ein endloses Tal entlang. In der Ferne grast eine Gruppe von rund fünfzig Kamelen zwischen trockenen Sträuchern und ist für mich erst erkennbar, nachdem ich auf sie aufmerksam gemacht werde. Nur als winzige Punkte sind die Großtiere zu sehen, wodurch die schier unendliche Weite der Wüste einmal mehr deutlich wird. Beduinen haben einen unglaublichen Scharfsinn für ihre Umgebung und nichts scheint ihnen zu entgehen. Sie werden auf Details aufmerksam, die ein Besucher normalerweise nicht wahrnimmt und wofür oftmals auch die Sehkraft unzureichend ist. Das ist beeindruckend. 

Unterwegs stoßen wir auf einen mit Steinen markierten Grundriss. Khaled erzählt mir, dass auch sie als Kinder solche Begrenzungen aus Steinen bauten, und sich damit ihr eigenes Zelt absteckten und fügt hinzu – allerdings mit einer zusätzlichen kleinen Fläche für die Ziegen. Dann schlüpften die Kinder in die Rollen der Erwachsenen als Besucher und Gastgeber. Szenen wurden nachgestellt und Gastfreundschaft praktiziert, indem dem Gast Kaffee angeboten wurde, der als Sand aus ihren Händen floss. Khaled bezeichnet seine Kindheit als eine sehr glückliche, und in seinen Erzählungen schwingt Wehmut. Vieles hat sich seither verändert, resümiert er. Heute sitzen die Kinder im Dorf und spielen mit ihren Handys. Auch das gegenseitige Füreinander war einst eine Selbstverständlichkeit und wir unterstützten uns gegenseitig, denn das Leben war nicht immer einfach. Heute dreht sich alles um Geld und Besitz, und die traditionellen Werte marodieren.  

Am Abend treffen wir Ali und Abdallah geschützt hinter einem Felsvorsprung. Sie machten bereits Feuer und im Topf kocht Lammfleisch. Es bleibt noch ein bisschen Zeit, um den Sonnenuntergang zu genießen und ich klettere auf den uns schützenden Fels, von wo ich ins weite Tal und auf die umliegenden Berge blicke. Aus der Stadt kommend, schätze ich diese Stille, diese unglaubliche Stille, die vielen Angst macht und mich glücklich. Fern von Hektik und geherzt von der Schönheit der Natur. Die Wüste ist meine Oase und Kraftquelle.

Ich sammele noch ein wenig morsches Holz fürs Feuer. Der Essensduft weht mir bereits entgegen und ich bin auch schon hungrig. Heute Abend gibt es Mansaf, ein jordanisches Nationalgericht aus Reis und Lammfleisch. Wir rücken um den gemeinsamen Teller, lassen den Tag Revue passieren und erzählen uns Geschichten.

Träumen unter der Milchstraße

In der Wüste freue ich mich nicht nur auf den Tag, sondern auch auf die Nacht. Die untergehende Sonne ist immer wieder ein Schauspiel, der Einzug der Nacht und das Erleuchten der Sterne ebenso. Tief in der Wüste sind die Nächte besonders schön und bringen den Sternenhimmel zum Leuchten. Die Milchstraße zeigt sich in ihrer vollen Pracht. Der kleine und große Wagen, die ich normalerweise erkenne, gehen in dieser Üppigkeit regelrecht unter. Noch lange beobachte ich diesen faszinierenden Sternenhimmel bis ich irgendwann einschlafe und am nächsten Morgen wieder von Ali’s knisterndem Feuer geweckt werde. 

Mehr Einblicke über diese wunderbare Kamelreise habe ich in diesem Video zusammengefasst: 

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

2 Kommentare zu „Fotostrecke: Das Geheimnis der Wüste“

  1. Lese begeistert deinen Bericht und teile diese bezaubernden Eindrücke und deinen Blickwinkel, es erinnert ich an meinen Besuch und meine Bewunderung für die Natur und die Beduinen, die sehr viel Ruhe und gleichzeitig Kraft ausstrahlen.

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