Mossul: das Leben geht weiter

Vor neun Monaten wurde Mossul von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ befreit. Zurück blieben acht Millionen Tonnen Schutt und traumatische Erfahrungen. Trotzdem kehren viele Menschen zurück. Wohin kehren sie eigentlich?

Das Leben geht weiter. Diesen Eindruck hatte ich, als ich kürzlich in Mossul war. Bei der Stadteinfahrt im Osten steht es geschrieben, groß und bunt: „I love Mosul“.

Einschusslöcher sind an vielen Privathäusern bereits wieder verdichtet, Blöcke – die Mörsergranaten aus den Fassaden rissen – zugemauert, zerbrochene Fensterscheiben ersetzt. Im Erdgeschoss reihen sich Verkaufsläden aneinander, dort wo Trümmer geräumt wurden, entstehen und florieren Märkte. Das Sortiment ist vielfältig: Obst, Gemüse, Kleidung, Haushaltswaren und alles, das man für den Wiederaufbau benötigt.

Es ist kurz nach zehn Uhr und für die ersten Kinder der Unterricht bereits wieder vorbei.  Sie räumen die Klassenzimmer und machen Platz für die Nächsten. Ein Großteil der Schulen ist zerstört und unterrichtet wird im Schichtbetrieb. In der Gruppe wirken sie fröhlich. Meine Kamera begeistert.

Die Universität diente dem Islamischen Staat als Basis und wurde im Zuge der Befreiung heftig bombardiert. Folglich ist die Zerstörung enorm. Auf dem Universitätsgelände sind inmitten von Ruinen einzelne Gebäude instandgesetzt, wo seit September letzten Jahres wieder gelehrt wird. Die Cafeteria ist gefüllt, ein wenig Grünanlage mit Blumen inmitten ausgebrannter und intakter Gebäude wurde errichtet. Die jungen Frauen haben ihre schwarze Vollverschleierung, die unter der IS-Herrschaft zwingend war, wieder abgelegt. Gegenüber der Kamera sind sie zurückhaltend. Zwei Medizinstudentinnen zeigen sich neugierig und wir fotografieren uns gegenseitig.

Der Verkehr hat zugenommen und wir stehen im Stau. Kinder und Frauen klopfen an Autoscheiben und hoffen auf ein wenig Geld. Die Armut ist groß und abseits der sogenannten Einkaufsstraßen sichtbar. Ein Blick über das Erdgeschoß macht es deutlich. In den oberen Stockwerken gibt es oft nur notdürftigen Wohnraum. Fehlende Fenster und Mauerteile sind mit Stoffen verhängt oder mit Platten verkleidet, um etwas Schutz und Privatsphäre zu schaffen.

Von den fünf zerstörten Brücken, die den Tigris umspannen und die beiden Stadtteile Ost und West verbinden, sind drei provisorisch instandgesetzt. In West-Mossul sind laut Vereinten Nationen nahezu 80 % der Häuser beschädigt oder zerstört. Doch auch hier kehren Menschen zurück. Um einzelne Häuser kleiden sich Baugerüste, Tankstellen blitzen farbig zwischen Trümmern und Betongrau und anstatt Panzer kreuzen hier nun Räumungsfahrzeuge. Es wird aufgeräumt, Schutt beseitigt – Tag und Nacht und so gut es geht, erklärt der Bürgermeister von Mosul.

Im Western Emergency Hospital ist man bemüht, die vom „Islamischen Staat“ hinterlassenen Spuren zu beseitigen. Die geschwärzten Gesichter der Komikfiguren in der Kinderabteilung wurden entfernt, zurückgelassene Handschellen entsorgt und ausgebrannte Krankenzimmer werden schrittweise wieder instandgesetzt, denn der Bedarf an medizinischer Versorgung ist enorm.

Im Gegensatz dazu hat sich in der einst dicht besiedelten Altstadt seit der Befreiung vom Islamischen Staat wenig verändert. Weggefetzte Fassaden verwandeln Häuser in Betonskelette und geben schonungslos Einblicke in Wohnbereiche. Schmale Gassen sind zumeist verschüttet, die Fahrt durch die von Trümmern geräumte Hauptstraße ist deprimierend. Eine Katze schleicht durch die Gasse, vorbei an einem Sofa, das vom Haus auf die Straße gekippt ist – ganz vorsichtig, als kenne sie die Gefahr. Der Stadtteil ist hoch kontaminiert mit Sprengsätzen und Spengfallen, die der IS massenhaft zurückließ. Wir stehen vor den Trümmern der jahrhundertealten Al-Nuri Moschee. Hier rief 2014 der IS-Führer Al-Bagdadi das „Kalifat“ aus, das drei Jahre später mit seiner Zerstörung sein symbolisches Ende fand.

Vereinzelt begegnen wir auch in der Altstadt Rückkehrer. Insider sprechen von bisher 300 Familien. Genau weiß man es nicht.  Nahezu unauffällig entstehen auch hier Verkaufsläden, ein Teehaus mit zwei Gästen, die am Trottoir vor Ruinen sitzen, einen Mann inmitten alter Elektrogeräte, die er zum Verkauf anbietet, ein weiterer, der seinen Karren mit grünem Salat vor sich herschiebt. Auch hier kehrt das Leben zurück.

Meine Eindrücke sind geprägt von Respekt gegenüber den Menschen in Mossul. Sie vermitteln Kraft, Hoffnung und blicken in die Zukunft. Ein Neuanfang – für viele der zweite, nach ihrer Flucht.

————————

Hier eine Lagebeschreibung von Mosul kurz nach der Befreiung vom Islamischen Staat im Juli 2017: Die befreite Stadt

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

4 Kommentare zu „Mossul: das Leben geht weiter“

  1. Hallo Frau Dr. Tauschek, diesen Bericht habe ich mir grosser Aufmerksamkeit und wachsender Zuversicht gelesen! Hoffentlich geht es in diesem Sinne weiter. das wäre nicht nur den beiden Medizinstudentinnen zu wünschen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s