In der Krise hat die Zeit viele Gesichter

In Krisenzeiten definiert sich der Begriff Zeit neu. Für die einen ist der Tag zu kurz, für die anderen zu lang. Dazwischen kämpfen Betroffene ums Überleben.  

Ich liege ganz flach im Bett, den Bauch eingezogen, den Rücken fest in die Matratze gedrückt. In den Straßen schießen sie seit Stunden aufeinander, und es nimmt kein Ende. Immer wieder überlege ich, wie wahrscheinlich es ist, von einer Kugel in meinem Bett getroffen zu werden. Ich komme zu dem Schluss, dass es unwahrscheinlich ist. Trotzdem verlässt mich nach einigen Stunden der Mut und ich lege mich ins Bad – genauer gesagt in die Badewanne, denn dort schützt mich eine zusätzliche Wand und das Blech der Wanne, denke ich. Das war meine erste Nacht im Hotel nach meiner Ankunft in Tajikistan im Jahr 1998 – gefangen in den Nachwehen des Bürgerkrieges.

Meine Arbeit führt mich um die Welt, häufig in Krisengebiete, wo Einschränkungen das tägliche Leben bestimmen. In Katastrophen entscheidet die Zeit oft über Leben und Tod, und manchmal gilt es, sie auszusitzen und zu warten. Sekunden können zur Ewigkeit mutieren. Ein Arbeitstag kann länger als 24 Stunden dauern und nahtlos in den nächsten übergehen – ein Ausnahmezustand. In der Krise hat die Zeit viele Gesichter.

Steigende Lebensmittelpreise treiben 2008 die Haitianer auf die Straßen von Port-au-Prince. Die Situation ist seit Tagen angespannt und explodiert, als ich im Büro sitze. Ein aufgebrachter Mob zieht durch die Straßen. Kolleg*innen erreichen noch über Umwege ihre Häuser. Bei mir klappt es nicht, denn die einzige Straße, die zu meiner Unterkunft führt, ist blockiert. Ich informiere einen Freund bei der UN, dass ich im Büro festsitze. Er wird mich rausholen, versichert mir der UN-Soldat. Ich schreibe noch an einem Bericht, der morgen fällig ist. Es vergehen Stunden. SMS Nachrichten informieren über Straßensperren und warnen, die Häuser nicht zu verlassen. Gelegentlich höre ich Schüsse. Kurz vor Sonnenuntergang klingelt das Telefon: „Fahr sofort los. Du hast nicht viel Zeit. Sofort!“. Ich schlage den Laptop zu, greife nach meiner Tasche, laufe aus dem Haus, springe ins Auto und fahre los. Per Telefon werde ich bis zu einem UN-Fahrzeug gelotst, dieses eskortiert mich durch den Stadtteil. Die Straßen sind verwüstet: eingeschlagene Fensterscheiben, geplünderte Geschäfte, Reste von verbrannten Autoreifen. Ich lenke den Wagen um Barrikaden und verrückten Straßensperren, holpere über faustgroße Steine, die überall verstreut liegen. Es läßt sich nur erahnen, wie hier Wut und Frustration entbrannten. Eine halbe Stunde später erreiche ich meine Unterkunft. Die Ausschreitungen setzen sich die nächsten Tage fort, wir können unsere Häuser nicht verlassen. Meine Lebensmittelvorräte sind begrenzt, doch sie werden für einige Tage reichen.

Die Arbeit in Krisengebieten erfordert, dass man sich rasch auf wechselnde Situationen einstellt. Ausgangssperren gehören dazu. Das fällt nicht immer leicht, doch sich hier diszipliniert zu verhalten, wird vorausgesetzt. Soziale Distanz ergibt sich häufig als Folge des zumeist enormen Arbeitsaufwandes oder aufgrund der entlegenen Lage des Einsatzortes, und kommt erschwerend hinzu.

Und dann gibt es Momente, da mutieren Sekunden zur Ewigkeit. Zuerst ist dieses Dröhnen, dann ein Schlag und ein Rütteln. Ich springe vom Sessel hoch, stürze aus dem Büro, springe in wenigen Schritten über viele Stufen ins Erdgeschoss, raus durch die Eingangstür und in die schützenden Arme von Almande, unseren Wächter, der beim Einfahrtstor steht. Die Palmen schwingen und nehmen übertrieben Raum ein, der Boden unter meinen Füssen trägt mich, ohne mit ihm verbunden zu sein, Fixpunkte zur Orientierung verschwimmen. Es ist, als wäre ich nicht mehr Teil dieser Welt. Jedes Gefühl von Kontrolle ist verloren, hilflos warte ich auf mein Schicksal. Der Gedanke, die Erde könnte aufbrechen und mich, uns, verschlingen, ist kurz. Mein Herz rast und füllt sich mit Todesangst für die Dauer einer gefühlte Ewigkeit. Plötzlich stehen die Palmen still und ragen in den blauen Himmel, als wäre nichts gewesen. Meine Beine beginnen zu zittern. Es ist 16:54 Uhr, der 12. Januar 2010.

Heute bedroht uns ein unsichtbarer Feind und stürzt die gesamte Welt in eine Krise. Die in vielen Orten verhängten Ausgangsbeschränkungen sind für alle Menschen eine enorme Herausforderung. In Europa, wo Freiheit als das höchste Gut gilt, gingen bis vor kurzem die Menschen auf die Straßen, um es zu verteidigen. Die soziale Distanz in dieser aussergewöhnlichen Situation ist für die meisten eine zusätzliche Herausforderung. Die Zeit wird zur Belastungsprobe. 

Auch ich arbeite seit vier Tagen von zuhause und ab Morgen ist über ganz Jordanien eine Ausgangssperre verhängt. Verstöße werden mit einer einjährigen Gefängnisstrafe geahndet.

Ich wünsche euch alles Gute, viel Kraft und Ausdauer und vor allem – g’sund bleiben!

P.S. Um ein bisschen Freude und Licht in den Alltag zu bringen, veröffentliche ich zwei Wochen lang täglich ein Foto von meinen bisherigen Einsätzen auf Instagram unter dem Hashtag  #picforlight(emoji:Sonnenblume). Die Fotos erscheinen auch auf der Startseite dieses Blogs.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

6 Kommentare zu „In der Krise hat die Zeit viele Gesichter“

  1. Hallo Regina ! Liebe Grüße aus der Heimat! Pass gut auf dich auf! Wir helfen unseren Liebsten in dieser schwierigen Zeit und können jetzt erst so richtig mitfühlen, wie es dir schon dein ganzes Arbeitsleben geht! Wir ziehen den Hut und danken dir im Namen aller ! Karin und Wolfgang

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    1. Liebe Karin, lieber Wolfgang! Wie schön von euch zu hören, und ich freue mich, dass es euch gut gehen! Ich wünsche euch alles Gute und die nötige Ausdauer. Bleibt alle gesund! Ganz liebe Grüße und dickes Bussi 😘

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