Das stille Örtchen

Reisende müssen sich unterwegs auf vieles einstellen: die Zeit, die Temperatur, die Matratze, das Essen, den Lärm, den Kaffee, die Bakterienkultur und nicht zuletzt  – das stille Örtchen. Letzteres ist für viele oft die größte Herausforderung. 

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Alte Toilette (gesehen im B&B Lemon Tree in Amman, Jordanien)

Klo ist nicht gleich Klo, wie wir alle wissen. So unterschiedlich wie Toiletten sind, so war und ist auch der Umgang mit dem, das sie füllt. Während sich die Römer noch in gesellschaftlicher Runde zum gemeinsamen Aport trafen, und mitunter dabei ihre Geschäfte verhandelten, wurden im Mittelalter die Nachttöpfe durchs Fenster entleert. Heute schließt sich der Europäer in seine Toilette ein, lest die Zeitung und spült mit Knopfdruck. Nadia Durrani recherchierte zur Geschichte der Toilette.

Zwar gab es Latrinen schon im alten Rom, und im Irak fanden Archäologen sogar Überreste von 4.000 Jahre alten Toiletten, doch letztendlich sind es noch keine 200 Jahre her, dass sich die Toilette mit Wasserspülung durchgesetzt hat. Erfunden wurde sie im Jahr 1596 vom Engländer John Harington, fand damals jedoch wenig Akzeptanz, und wurde 1775 durch Alexander Cumming patentiert, bevor sie weitere 35 Jahre später in Betrieb genommen wurde. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Mitteleuropa eine weitreichende Deckung mit Sanitäranlagen erreicht. Eine Revolution und ein wesentlicher Beitrag zur Rettung von Menschenleben.

Noch heute verrichten 862 Millionen Menschen ihre Notdurft im Freien – mehr als die Hälfte von ihnen in Indien. Mädchen und Frauen warten oft bis es dunkel ist, und hocken sich dann in die Felder. Nicht selten werden sie dabei Opfer von Überfällen und Vergewaltigungen. Dies hat schließlich vor rund 13 Jahren zur Aktion „No toilet, no bride“ geführt, und den Bau von 1,8 Millionen Latrinen in ländlichen Gebieten bewirkt.
Ganz so einfach ist es auch heute nicht, wenn die Nutzung einer Toilette den bisherigen Gewohnheit widerspricht. Fäkalien sind in Indien ein Tabu, sodass eine Toilette im Haus nicht anstandslos akzeptiert und genutzt wird. Indiens Toiletten werden auch heute noch von Menschen der untersten sozialen Kaste, den Dalits, gereinigt. Ich erinnere mich an meinen Aufenthalt in Gujarat im Jahr 2000, als wir für die Reinigung unserer Büros zwei Frauen beschäftigen mussten: eine kam zur Reinigung der vier Büroräume,  eine andere für die beiden Toiletten.

Laut Vereinten Nationen haben 4,5 Milliarden Menschen, das sind 60 % der Weltbevölkerung, keine Toilette zu Hause oder nur eine, die Fäkalien nicht sicher behandelt. Somit werden Böden und Wasser massiv verunreinigt. Laut WHO sterben täglich mehr als 1.400 Kinder an Durchfallerkrankungen – das sind mehr als durch AIDS, Malaria und Masern zusammen. Die Ursachen dafür sind vor allem verunreinigtes Trinkwasser durch Fäkalien und die fehlende Wasserversorgung zum Hände waschen auf den Schultoiletten (so es denn welche gibt), wodurch sich Krankheiten wie z.B. Durchfallerkrankungen, Cholera, Ruhr, Hepatitis A, Typhus und Polio rasch verbreiten.

Um darauf aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 19. November zum Welttoilettentag erklärt. Heuer steht er unter Motto „Natur is calling“.

Und wenn es den Reisenden doch mal drückt in der Natur, dann hilft der Ratgeber How to shit in the wood für ein umweltbewusstes Verhalten mit Respekt auf den verzweifelten Ruf der Natur.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

2 Kommentare zu „Das stille Örtchen“

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