Zu viel weibliches Geschlecht

Was die Natur geschaffen hat, darf nicht sein. Deshalb wird es weggeschnitten, mit Asche bestaubt, und manchmal auch zugenäht.

Das Unvorstellbare hat einen Namen: Female Genital Mutilation (FGM) und steht für die weibliche Genitalverstümmelung. Laut Weltgesundheitsorganisation sind mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen in 30 Ländern in Afrika und Asien betroffen – auch im Irak.

Titel WüstenblumeIn dem Buch „Wüstenblume“ von Waris Dirie, erfuhr ich 1998 erstmals von diesem grausamen Ritual. Das ehemalige Topmodel erzählt von ihrem Schicksal, als eine alte Frau Teile ihres Geschlechts wegschnitt, und es anschließend zunähte. Sie war damals fünf Jahre.

Während in Afrika FGM häufig als Initiationsritual praktiziert wird, stehen in asiatischen Ländern zumeist religiöse Motive im Vordergrund. Dabei kommt der Tradition wesentliche Bedeutung zu. FGM wird vorwiegend in konservativen Gesellschaften praktiziert, die von starken Geschlechterungleichheiten geprägt sind. Noch heute sind täglich 8.200 Kinder diesem Risiko ausgesetzt.

FGM in Irak/Kurdistan

Im Jahr 2010 brachte die deutsche Hilfsorganisation WADI in einer empirischen Studie das Ausmaß des Schicksals vieler kurdischer Frauen im Nordirak an die Öffentlichkeit. Demnach waren in den untersuchten Gebieten 72,7 % der Frauen von FGM betroffen. Sowohl Tradition als auch islamische Glaubenspraxis legitimieren die Tat, wobei die Grenzen oft verschwimmen. Wie in den meisten Ländern war auch im Nordirak FGM tabuisiert. Lange Zeit wurde nicht darüber gesprochen, es wurde gemacht – und zwar deutlich häufiger als vermutet.

In der Regel veranlassen Mütter die Tat, die immer von Frauen, zumeist älteren, durchgeführt wird. Im Nordirak wird den Mädchen mit einer Rasierklinge oder einem Messer die Klitoris amputiert. In Einzelfällen noch mehr. Gründe hierfür sind die Lust und weibliche Sexualität zu unterbinden, Jungfräulichkeit und die kulturelle Identität zu bewahren, sowie ein Verständnis von Reinheit und besseren Heiratschancen. Die Folgen sind oft fatal. Neben körperlichen Schäden erleiden Mädchen und Frauen häufig psychische Traumatisierungen. Ein Leben lang. Generell gilt, je höher der Bildungsstand im Elternhaus, desto niedriger die FGM Rate, obwohl auch in gebildeten Familien Verstümmelungen vorgenommen werden.

Im Gebiet rund um Erbil sind laut WADI-Studie rund 63 % der Frauen betroffen. Verstümmelt wird vorwiegend der Tradition wegen. Die Provinz gilt als konservativ. Traditionelle und familiäre Werte sind von zentraler Bedeutung, die Zugehörigkeit zu Familie, Clan und Stammesgemeinschaft entscheidend. Weltoffenheit und modernisierende Kräfte sind in der Gesellschaft kaum spürbar. Religiöse Wertvorstellungen sind verinnerlicht. Jungfräulichkeit bei der Hochzeit ist Bedingung. Ist sie verloren, bedeutet es die ultimative Schande für die Familie, und kann im schlimmsten Fall zum Ehrenmord führen. Die Familienehre zu wahren, ist oberstes Gebot und wird grundsätzlich an der Frau festgemacht.
Großmütter, vor allem väterlicherseits, herrschen über die Einhaltung moralischer Standards in der Kernfamilie. Insbesondere Frauen in der Region um Erbil, nennen als Motiv für FGM starken sozialen Druck. Widersetzen sie sich den moralischen Normen, werden Repressalien aus der eigenen Familie erwartet. Überraschend ist, dass die Männer häufig nichts über FGM wissen.

Erfolge zeichnen sich ab 

»Stop FGM in Kurdistan« ist ein Netzwerk von lokalen und internationalen Organisationen, von Menschenrechtsaktivisten, Kulturschaffenden und Journalisten, die sich dafür einsetzen, dass das Thema FGM öffentlich diskutiert wird. Es ist gelungen und verdient Anerkennung, denn über ein derart sensibles Thema diskutieren zu können, ist in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens kaum vorstellbar.
IJuni 2011 hat das Kurdische Regionalparlament ein Gesetz gegen die häusliche Gewalt verabschiedet, das auch ein Verbot der Genitalverstümmelung mit einschließt. 

Die Aufklärungsarbeit geht weiter, denn mit dem Erlaß eines Gesetzes wird traditionell oder religiös motiviertes Handeln nicht automatisch beendet. Untersuchungen aus dem Jahr 2017 deuten bereits auf einen drastischen Rückgang, wonach deutlich weniger Mütter ihre durch FGM gemachte Gewalterfahrung an ihre Töchter weitergeben. Dort, wo FGM religiös motiviert ist, hält sich die Überzeugung der Notwendigkeit hartnäckiger. Religiöse Anführer haben dazu sehr unterschiedliche Positionen. Während konservative Kräfte FGM unterstützen, gibt es auch jene, die sie aktiv bekämpfen.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass FGM auch in anderen Teilen Iraks praktiziert wird, wenn auch in einem geringeren Ausmaß. Die irakische Regierung in Baghdad hat bisher noch kein Verbot für FGM ausgesprochen.

 

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

6 Kommentare zu „Zu viel weibliches Geschlecht“

  1. Ich las in den 1990er Jahren das Buch „Ich spucke auf euch“ von der Ägypterin Nawal El Saadawi, es ging mir tief unter die Haut. Dieses grausame Ritual muss unterbunden werden, aber es wird noch ein weiter Weg werden, leider.
    Danke für deinen Beitrag dazu.
    Herzlichst,Ulli

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  2. Ich wusste nicht, das es bei kurdischen Frauen so verbreitet ist, und dass die Männer kaum etwas davon wissen. Womit mal wieder bestätigt wird, dass Opfer sehr oft zu Täter(inne)n werden.
    Umso mehr freue ich mich sehr zu lesen, dass es in dieser Frage endlich Fortschritte gibt.

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  3. Die Herausforderung, diese brutale Tradition zu beenden, ist beispielhaft für die Herausforderungen, die mit der Globalisierung des Humanismus verbunden sind. Kulturelle Traditionen, die als religiöse Gebote missverstanden werden, sind dabei die härtesten Brocken.

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