Das Tote Meer stirbt

Noch treiben Menschen wie Korken auf der Wasseroberfläche und stehen, im Rhythmus sanfter Wellen schaukelnd, senkrecht wie Steckblumen im Meer. Die einen finden es lustig, die anderen genießen. Wenn es so weitergeht, ist bald Schluss damit.

Das Tote Meer fasziniert. Sei es der mineralstoffreiche Schlamm, der Hautkrankheiten heilt, oder das Floaten auf der Wasseroberfläche, dessen 33%iger Salzgehalt uns verlässlich trägt. Der erste Schwimmversuch ist zweifelsohne aufregend. Verzückung unter den Neuankömmlingen trifft auf bereits entspannt treibende Ruhepole. Kein Fisch ist zu sehen, kein Boot schneidet die Wasseroberfläche, nur leichter Südwest-Wind und Debütanten, die gelegentlich ums Gleichgewicht rudern, schlagen sanfte Wellen.  

Von einer Markierung „420 Meter unter dem Meeresspiegel“ steige ich nochmals zehn zum Ufer hinab. Jedes Jahr kommt ein weiterer Meter hinzu, und legt weiße Salz-Stalagmiten und Salzkrusten frei. Ein fantastischer Anblick im türkis-blauen Wasser und zugleich eine Tragödie, denn der Meeresspiegel sinkt schleichend und bedrohlich. Wissenschaftler rechnen damit, dass in den nächsten 50 Jahren das Tote Meer vollständig ausgetrocknet sein wird, wenn sich nichts ändert.

 

Von Menschen verursacht

Das schleichende Austrocknen des Toten Meers ist auf zwei wesentliche Ursachen zurückzuführen.
Zum einen liegt es an der ständigen Wasserentnahme aus dem Fluss Jordan und dem 150 km nördlich gelegenen Genezareth See, sodass immer weniger Wasser im Toten Meer ankommt. Denn vor allem Israel, aber auch Jordanien nutzen das Wasser aus dem Jordan zur Trinkwasseraufbereitung und für die Landwirtschaft. Der Zufluss in das Tote Meer beträgt heute nur mehr 200 Mio m3 Wasser jährlich, das sind 20 % der ursprünglichen Wassermenge.
Zum anderen verbraucht die industrielle Mineraliengewinnung am Toten Meer enorm viel Wasser, und zwar 650 Mio m3 pro Jahr, also die dreifach Wassermenge, die jährlich aus dem Jordan zufließt. Im südlichen Teil des Toten Meeres betreiben die beiden Firmen Dead Sea Work in Israel und Arab Potash Company in Jordanien für die Gewinnung der Mineralien riesige Wasserbecken, die in der Sonne verdunsten und der Industrie eine relativ kostengünstige Gewinnung von Salz, Phosphor, Magnesium, Brom etc. ermöglichen. Damit sind sie für 40 % der Absenkung des Toten Meeres verantwortlich.

Eine ARTE Dokumentation „Trockengelegt – Konfliktherd Totes Meer“ (2013) schildert auf sehr eindrucksvolle Weise die Problematik und ihre Folgen. Dabei geht es um den Umgang mit der Ressource Wasser, politische Einflüsse, die ungerechte Verteilung eines öffentlichen Gutes, die Interessen von Wirtschaftsmächten und spiegelt nicht zuletzt die Komplexität des Nahostkonflikts.

Fatale Folgen  

Der sinkende Wasserstand im Toten Meer hat zur Folge, dass Grundwasser teilweise unterirdisch ins Tote Meer fließt, wodurch Jahrtausend alte Süßwasserquellen im Umland versiegen. Laut World Population Prospect ist in Jordanien in den letzten 15 Jahren der Wasserbedarf um 42 % gestiegen, womit die Nachfrage das Angebot um 200 % übersteigt. Aus den Grundspeichern wird gepumpt, was benötigt wird. Das Szenario, dass es bald kein Wasser mehr geben wird, drängt sich auf. Der Klimawandel verschärft den Wassermangel insofern, da durch die Erwärmung noch mehr Wasser im Wüstenland verdunstet.

Entlang der Küstenstraße nimmt der Weg bis zum Ufer bizarre Formen einer Mondlandschaft an. Auf israelischer Seite enden Stege auf halber Strecke, die einst ins Wasser führten. Als Folge des Rückgangs der Wasseroberfläche haben sich zahlreiche Einsturztrichter gebildet. Auf Warnschilder steht geschrieben: „Beware! Sink-holes Area Ahead”. Die Küste besteht vorwiegend aus Salz und Sand. Durch das Absinken des Salzwassers tritt Grundwasser an die Oberfläche und löst die Salzschichten auf, wodurch die Oberfläche einbricht.

Der Friedenskanal

Lösungsansätze gibt es viele, jedoch stehen oftmals politische Rahmenbedingungen und Interessenskonflikte im Weg. Eine davon ist die Errichtung eines „Friedenskanal“ bei dem Wasser aus dem Roten Meer ins Tote Meer geleitet wird, wofür die Weltbank eine Machbarkeitsstudie finanzierte. Die Projektkosten werden auf 11 Mrd. USD geschätzt. Experten sehen das Vorhaben aus mehreren Gründen kritisch.

Dem gegenüber stehen Lösungsvorschläge, die das Problem an der Wurzel anpacken:  kontrollierter Umgang mit der Wassernutzung aus dem Jordanfluss und dessen Instandsetzung im unteren Verlauf, Anpassung der industriellen Praxis bei der Extrahierung der Mineralien und Einsatz von Filtern mit speziellen Membranen. Ob sich letztendlich eine Lösung am Vorschlag zur Bekämpfung der Grundursachen durchsetzen wird, bleibt zu hoffen. Noch ist eine Entscheidung offen.

Eine stabile Wasserversorgung ist nicht zuletzt ein entscheidender Beitrag zur Befriedung des Nahen Osten.

 

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

3 Kommentare zu „Das Tote Meer stirbt“

  1. Ein interssanter Bericht, auch schockierend. Ich war zweimal am Toten Meer, einmal auf israelischer, einmal auf jordanischer Seite, und erinnere mich noch sehr an das Gefühl des Getragenseins. Keine Chance, auf eigenen Füßen zu stehn.

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    1. Ja, es ist wirklich ein einmaliges Erlebnis. Schwimmen funktioniert so gut wie nicht, da zappeln die Beine irgendwo in der Luft. Man rudert sich gemütlich irgendwie dem Ufer entgegen, am besten in Rückenlage :-). Und ja, die Entwicklung am Toten Meer sind schockierend!

      Gefällt 1 Person

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