Ein Fehlurteil und eine offene Antwort

Die unerwünschte Kritik.

M. schickt mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Ich surfe durch die Pinnwand eines gesichtslosen Profils, am dritten FB-Post mit rund 860 likes klicke ich kurz hinein. Ein langer Artikel: M. ist 8 Jahre und schießt den Fußball in den Garten des Nachbarn; der Nachbar ist ein „Ungustl“; Bitten um Verzeihung; ein Brief, in dem ein SS-Offizier dem Nachbarn für seine Verdienste dankt; der Bub, der diesen Brief entsorgen soll; ein Sprung ins Jahr 2006 – Raketen schlagen ein; ein Gefängnisaufenthalt – und vieles dazwischen. Der Text war lang, für mich zu lang, sodass ich einige Passagen übersprang.
Das Facebook-Profil von M. ist echt, keine abartigen und menschenverachtenden Hasspostings und ich akzeptiere seine Freundschaftsanfrage.

Kurz darauf bekomme ich diese persönliche Nachricht über Messenger: „hallo regina, darf mal fragen bitte wie du, die geschichte in meiner Facebook seite findest. Es ist von 1989 da war ich 8 und in der grundschule. Der 3 te link in meiner fb pinnwand. Die botschaft an die afd.

Ich kehre auf seine Pinnwand zurück, lese aufmerksam, mache Notizen und beantworte seine Anfrage kritisch. „Hallo M., ich finde den Text im großen und ganzen gut, du hast interessante und wichtige Themen angesprochen. Jedoch finde ich ihn an manchen Stellen nicht schlüssig. Die Gedanken eines 8jährigen scheinen mir etwas irreal ….“. Im folgenden beziehe ich mich darauf, wie ein achtjähriges Kind Rückschlüsse auf den Nachbarn und seine Nazi-Vergangenheit zieht, wie der Bub sich in den Geschichtsbüchern seines größeren Bruders über die NS-Zeit informiert, wie ein achtjähriger einen Brief als Dankschreiben eines SS-Oberstabsführers entziffert und überlegt, daraus Geld zu machen, bevor er diesen verbrennt. Ebenso unverständlich ist mir der Sprung vom Jahr 1989 ins Jahr 2006 als plötzlich die Raketen einschlugen und ich Alpträume vermute. Der Standortwechsel von Deutschland nach Libanon war mir offensichtlich dabei entgangen, und ich weise darauf hin.

M. antwortet mir wie folgt: „dein brief klingt nach afd – leb wohl“.

Meine Antwort „Ein bedauerlicher Irrtum“ erreicht meinen neuen „Facebook-Freund“ nicht mehr. M. hatte mich blockiert.

Eine kurze Recherche hat ergeben, dass es sich bei dem oben genannten Facebook-Post um Ausschnitte eines biografischen Romans handelt.

Dass ich als AfDlerin identifiziert werde, ist unverständlich, jedoch nicht beunruhigend, denn jeder, der meine Kommentare und Texte ließt, wird meine Positionierung richtig einschätzen.

Demokratische Werte sind mir wichtig! Ich setzte mich aktiv für Menschenrechte, Frauen- und Kinderrechte ein, trete offen gegen Rassismus und Gewalt auf, lebe Menschenwürde und Zivilcourage und erfreue mich an der kulturellen Vielfalt, von der sich so viele Mitbürger verängstigen lassen. Meinungsfreiheit zählt zu den wichtigsten Grundlagen einer Demokratie. Ich unterstütze sie und fordere diese auch ein. Deshalb dieser Beitrag.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

4 Kommentare zu „Ein Fehlurteil und eine offene Antwort“

  1. Ich finde es gefährlich Andere so schnell in eine Schublade zu stecken.
    Gerade wenn man meint dass sich jemand (politisch) auf dem Holzweg befindet,
    sollte man offen und diskussionsbereit bleiben und nicht jeden gleich ausschließen.
    Natürlich gibt es auch Situationen in denen ein Gespräch nicht mehr sinnvoll ist.
    Aber sich ein Urteil über jemanden zu bilden ohne ihn anzuhören,
    ist ignorant und bereitet den Weg für Missverständnisse.
    Komischerweise haben auch mich (im Internet) jene Menschen besonders verurteilt,
    die mich eigentlich überhaupt nicht kennen.
    Es steht natürlich jedem frei sich seine Kontakte auszusuchen,
    aber so legt man sich doch am Ende selbst Steine auf den Weg.

    Menschen sind auch nicht gleich schlecht, „nur“ weil sie eine falsche Meinung vertreten.
    Gerade solchen Leute sollte man die Möglichkeit geben, sich ein größeres Bild zu machen. Gerade wenn du eine Afdlerin gewesen wärst, hätte sich daraus vielleicht die Chance ergeben, deine Meinung zu hinterfragen, und vielleicht etwas zu verändern.

    Habe ich Antworten?
    Nein, habe ich nicht.
    Aber eines weiß ich ganz sicher.
    Ignoranz macht nichts besser.

    Liebe Grüße

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    1. Hallo und vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich muss gestehen, mein Interesse und meine Geduld halten sich auch in Grenzen, mich auf Diskussionen einzulassen, in denen rechtspopulistische und menschenverachtende Ansichten nachhaltig vertreten werden. Aus meiner Sicht ist das Problem hier ein anderes. Der Autor kann nicht mit Kritik umgehen, um die er gebeten hat. Er hat eine emotionale Reaktion auf seine Geschichte erwartet, und nicht, dass sich jemand tatsächlich Gedanken über den Inhalt macht. Lg Regina

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