Quarantainment #4 – Ein Resümee

Wenn Videokonferenzen gemischte Gefühle auslösen, der Duft des Apfelstrudels durchs Haus zieht und ein holpriges Gefühl von Freiheit zu spüren aber nicht zu fassen ist.

Vorläufig letzter Zwischenstand: 70 Tage Homeoffice, wiederkehrende Ausgangssperren und eine Liste von „do’s and don’ts“ .

Der Fastenmonat Ramadan ist vorbei, und das Zuckerfest begann gestern Abend im Lockdown. Ich blicke aus dem Fenster, die Straßen sind leer und es regnet. Ein günstiger Zeitpunkt für einen Rückblick.

Auch in Jordanien werden die Einschränkungen schrittweise gelockert. Zuerst öffneten kleine Lebensmittelgeschäfte, dann Supermärkte und schließlich die Einkaufszentren. Die fehlende Kaufkraft ist spürbar. Auch so manche Handwerker und Dienstleister haben ihre Arbeit wieder aufgenommen. Seit einigen Wochen sind auch Taxis unterwegs und Privatautos dürfen seit Anfang Mai genutzt werden, und zwar mit geraden und ungeraden Kennzeichen im Wechsel. Eine Einschränkung, die sich mir umweltbedingt und aus verkehrspolitischer Sicht als Errungenschaft offenbart, denn damit wird der sonst unzumutbare Verkehr erträglich, und die Staus überschaubar. Mit der Zulassung der Fahrzeuge wurde für die Bevölkerung der Bewegungshorizont von einem Kilometer auf die gesamte Provinz Amman ausgeweitet.

Eine Ausgangssperre von 19:00 Uhr abends bis 8:00 Uhr morgens sowie an Freitagen wird bis auf weiteres beibehalten. Ebenso ein Lockdown an Feiertagen, wie wir ihn heute erleben. Eid-al-Fitr ist ein bedeutendes moslemisches Fest, bei dem Familien und Freunde zusammenkommen, Geschenke austauschen und gut und ausgiebig gemeinsam essen. Dem wurde nun kurzfristig ein Riegel vorgeschoben, und eine dreitägige Ausgangssperre verhängt. Ein verlängertes Wochenende, das ich gerne mit kleinen Wanderungen am Stadtrand von Amman verbracht hätte.

Nächsten Mittwoch werde ich nach zehn Wochen wieder mein Büro betreten. Das Gebäude wurde inzwischen desinfiziert und zahlreiche Auflagen sind zu befolgen. Damit sich die Kolleg*innen nicht zu nahe kommen, nutzen wir die Büros abwechselnd. Mir steht mein Arbeitsplatz an drei Wochentagen zur Verfügung, die restliche Zeit arbeite ich vom Homeoffice. Letzteres habe ich in den letzte Wochen zunehmend schätzen gelernt. Zuhause kann ungestört arbeiten, mich auf Details konzentrieren und stelle fest, dass mein heller Arbeitsplatz von guter Energie beseelt ist. Auch die Videokonferenzen sind inzwischen zur Routine geworden, und machen noch mehr Spass, seitdem ich nun nach Lust und Laune meinen Hintergrund gestalten kann.

Mitte Mai war ich zu einem Symposion am Kulturinstitut an der Linzer Johannes Kepler Universität eingeladen. Die Veranstaltung fand aufgrund der Coronakrise virtuell statt und die Referenten stellten ihre Beiträge in Audio- oder Videoform zur Verfügung. Auch ich hatte meinen Beitrag  „NGOs im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen. Herausforderungen für die humanitäre Hilfe“ entsprechend aufgezeichnet und muss gestehen, dass ich den Aufwand tatsächlich unterschätzt hatte. Freies Reden in Interaktion mit dem Publikum und mit dem Einsatz von Mimik und Gestik ist doch sehr viel anders und für mich einfacher, als einen Text für eine Tonaufnahme zu sprechen. Pausenfüller, aufheiternde Kommentare, ein kurzer Sprung zurück, falls ich ein wesentliches Detail vergessen hatte usw. sind bei einer Tonaufzeichnung für den Hörer nur schwer verdaulich, wie ich finde. Somit genügte mir kein Stichwortzettel, sondern ich musste tatsächlich einen Großteil der zu sprechenden Sätze vorbereiten. Wenn auch aufwändig, so war es doch eine interessante Erfahrung. Zumindest weiß ich, worauf ich mich das nächste Mal einstellen muss.

Was ich auf jeden Fall beibehalten werden, sind meine täglichen Yogaübungen nach dem Aufstehen. Ich finde es großartig, bringt meinen Kreislauf in Schwung, hält mich gelenkig und fit. Auch wenn es täglich nur etwa 15 – 20 Minuten sind, doch der Erfolg ist tatsächlich spürbar.

Die Quarantäne hat meine kleine Küche regelrecht in Schwingung versetzt. Auch mit dem Gasherd habe ich mich inzwischen angefreundet. Neu auf meinem Speiseplan sind eine Quiche in bunten Variationen, mein flaches Hefeteigbrot aus der Pfanne, ein orientalischer Lammeintopf sowie eine bunte Mischung österreichischer Mehlspeisen, wie etwa Buchteln, ein ausgezogener Apfelstrudel, Marillenkuchen und ein wunderbarer Kaiserschmarrn. Fast alles Kochpremieren, die auf dem Teller serviert wurden.

Ja und mein tägliches Foto, das ich unter #picforlight auf Instagram gepostet hatte, ist heute mit dem 70sten Bild beendet. Die ursprüngliche Idee war, Farbe und Freude in den  Quarantäne-Alltag zu bringen. Waren es zu Beginn Bilder von fröhlichen Menschen, denen ich während meiner Einsätze begegnet war, teilte ich während der Zeit des Ramadans Fotos von Wadi Rum, als Erinnerung und gleichzeitig als Vorfreude auf meine Lieblingsdestination in Jordanien.

Außerdem habe ich mich im Quarantainment als Stammgast an der Musik von Andie Gabauer erfreut, der mit dem frühlingshaften Wetter vom Fensterbankl ins Freie aufs Quarantänebankl und ins Quarantänedreieck gerückt ist,  wo er gemeinsam mit anderen Musiker*innen immer noch für sein Publikum spielt. Weiters hielten mich immer wieder die Kabarettstücke, die es auf unterschiedlichen Kanälen zu sehen gab – wie beispielsweise auf Globe.Wien.Player bei guter Laune. Nicht unerwähnt bleiben darf auch das wunderbare Hörbuch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff, das ich portionsweise beim Kochen oder entspannt auf der Couch konsumierte, und mich geradezu in Verzückung versetzte.

Auch wenn wir zunehmend Freiheit schnuppern, wird uns die Corona-Pandemie noch längere Zeit begleiten. Aus diesem Grund wünsche ich wie immer allen Leserinnen und Lesern: Bleibt gesund!

 

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

2 Kommentare zu „Quarantainment #4 – Ein Resümee“

    1. Ja, Jordanien hat tatsächlich sehr wenige Infizierte (knapp unter 700). Neue Fälle kommen derzeit von LKW Fahrern hinzu, die von den benachbarten Ländern kommen. Bin auch gespannt, wie sich die Zahlen entwickeln, wenn die Reiseeinschränkungen zwischen den Provinzen aufgehoben wird.

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