Zwei Söhne der Wüste

Sie lieben die Wüste, essen Melonenstücke von der Gabel, täuschen Aufmerksamkeit vor, wenn sie Karotten wittern, strampeln gemeinsam im Sand und strecken gelegentlich mal neugierig ihren Kopf ins Zelt. 

Kamele sind faszinierende und liebenswerte Wesen. Mit ihnen gemeinsam durch die Wüste zu ziehen, ist nicht nur die umweltfreundlichste Art diese zu erleben, gleichzeitig kommt man einer außergewöhnlichen Landschaft mit ihren spektakulären Sandsteinskulpturen auf eine besondere Art sehr nahe.

Alian und Halwan 

Aus der ursprünglich geplanten Namensgebung Kurt und Klaus wurden schließlich – dem arabischen Raum angepasst – Alian und Halwan, zwei wunderbare Jungs im Alter von 4 und 5 Jahren mit ganz besonderen und durchaus unterschiedlichen Charakteren. Ich nenne sie stolz meine Prinzen.
Halwan, der ältere und am Beginn der Geschlechtsreife, ist eher ängstlich und wagt sich nur vorsichtig ans Unbekannte. Auf Zuruf reagiert er, wenn er davon ausgeht, dass es sich lohnt. Futter nimmt er mit unglaublicher Vorsicht von der Hand. Dass er vor einigen Monaten seinen Hausherrn in den Unterarm gebissen hatte, ist ein wahres Unglück, wofür mehrere Faktoren ungünstig zusammenwirkten und vermutlich auch schlechte Erfahrungen mit dem Vorbesitzer eine Rolle spielten.
Alian ist neugierig, etwas temperamentvoller – was bei dem energiesparenden Verhalten von Kamelen natürlich relativ ist – und er scheut kein Stück des Weges, wenn er Futter wittert. Dafür steckt er auch mal seinen Kopf ins Zelt oder knabbert gerne mal an meiner Schulter.
Gibt es tatsächlich Reste von Obst und Gemüse, dann mobilisiert auch Halwan seine Kräfte und hat es verhältnismäßig sehr eilig.
Noch zeigen sich die beiden unzertrennlich. Gerät Halwan aus der Sichtweite, führt dies zu einem merklichen Unbehagen beim Jüngeren. Ihr Verhalten ist aufeinander abgestimmt, weder gibt es Futterneid oder Rangkämpfe und man hat den Eindruck, als passen sie gegenseitig aufeinander auf.

Aufsatteln erdulden beide, wobei Alian dieses seit Kurzem mit einem exzessiven, beinahe bühnenreifen Brüllen untermalt. Nach gutem Zureden und einer anschließenden Belohnung, beispielsweise eine Karotte, ist das Ungleichgewicht wieder im Lot. Halwan hat gelegentlich mit dem Aufsteigen des Reiters sein Problem und die unerwünschte Eigenschaft, sobald dieser vorsichtig das Bein zum Aufsitzen über den Sattel hebt, dass er wie von einem Feuerwerk angetrieben, emporschießt. Gelegentlich führt dies zu durchaus spektakulären Szenen, wenn der Reiter wie eine Zecke seitlich am Kamelbauch hängt und sich in den Sattel hocharbeitet. Sitzt man oben, ist die Welt wieder für alle in Ordnung und es kehrt schlagartig Ruhe ein. In gleichmäßigen Schritten ziehen wir los, in die Weite der Wüste. Der letzte Ballast einer arbeitsintensiven Woche ist im Nu verpufft, und ich genieße die Stille, die eindrucksvolle Kulisse von Felsformationen und Sandskulpturen und dieses wunderbare Gefühl von grenzenloser Freiheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Der Morgen 

An heißen Tagen lohnt es sich, früh aufzustehen. Die Luft ist noch klar und frisch und die Temperatur angenehm. Kein Pfeifen des Windes, nur eine sanfte Brise streift über die Haut, keine Motorengeräusche weit und breit. Die morgentliche Stille hat so etwas unglaublich friedvolles. Die Sonne steht tief, unsere Schatten sind lang, die schlanken Kamelbeine wirken noch länger, die Quasten der handgewebten Satteldecke schwingen im Rhythmus des Schrittes. Das langsame Schaukeln im Sattel ist beruhigend. Ein Moment, bei dem Mensch und Tier mit der Natur verschmelzen, eine Harmonie, die mir verlässlich ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert und mich mit Glück und Freude erfüllt.    

Spuren im Sand 

Auf dem Kamelrücken kommt man der Natur sehr nahe. Abseits von Internet und Weltnachrichten, richtet sich der Fokus des Geschehens auf die unmittelbare Umgebung, und hier verraten Spuren einiges. Sturmartige Böen der letzten Tage pressten die Sandoberfläche in Wellen, die noch deutlich zu sehen sind. Unser Weg kreuzt sich mit Spuren von Kamelstuten, die mit ihren Jungtieren vorbeizogen. Auch die Beduinin, die mit ihrer Familie hinter dem übernächsten Felsen wohnt, ist bereits mit ihrer Ziegenherde, Esel und Hund unterwegs. Einige Igel befanden sich letzte Nacht irgendwohin, ebenso die großen schwarzen sechsbeinigen Käfer, deren Spuren sich wie Bordüren abbilden. Krähen und kleinere Vögel haben heute morgen bereits ihre Füße in den Sand gesetzt, Spuren von Eidechsen umkreisen hagere Büsche. Auch einige Füchse waren letzte Nacht unterwegs und erstmals sehe ich eine Schlangenspur, die entlang einer tiefen Reifenspur im Sand verläuft. Es fühlt sich so ein bisschen an, wie Zeitung lesen am Morgen.

Essen und Trinken und ein bisschen Parfum 

Nach zwei bis drei Stunden machen wir eine kurze Rast an einem schattigen Platz, wo Alian und Halwan etwas zu Fressen finden. Manchmal klettert auch mein Begleiter auf einen Felsen und schneidet von dort ein paar Gräser aus den Felsritzen. Interessant zu beobachten, ist, das sehr umweltfreundliche Fressverhalten der Kamele. Sie knabbern nämlich keinen Busch kahl, sondern nehmen ein wenig und wandern zum nächsten. Dabei gibt es durchaus Vorlieben, Alian frisst so ziemlich alles, Halwan ist da schon etwas wählerisch und hat eine gewisse Vorliebe für Dornenbüsche. 

Auf dem Rückweg reibt Halwan plötzlich seinen Kopf in einem Gestrüpp, und Alian macht es ihm gleich nach. Es war eine Pflanze, artverwandt mit dem Wermutkraut, das Beduinen als Heilkraut für Tee verwenden und anti-bakterielle Wirkung hat. Das wissen offensichtlich auch Kamele und nutzen es. Der angenehme Kräuterduft der sich wie eine Aura um ihre Köpfe fügt, begleitet uns noch ein gutes Stück des Weges.

Beim Zelt angekommen, gibt es eine Belohnung, und zwar je nach Saison sind es Orangen-und Melonenschalen, Karotten oder manchmal auch getrocknete Brotreste. All das lieben sie, auch von Melonenstücken sind sie begeistert, und weil Beduinen durchaus auch sehr vornehm sein können, füttert sie der Hausherr mit der Gabel. 

Es ist kurz nach Mittag und die Temperaturen sind deutlich angestiegen. Kamele haben die unglaubliche Fähigkeit, ihre Körpertemperatur auf bis zu 40 Grad hochzufahren, um den Wasserverlust durch Schwitzen zu reduzieren. Heute sind sie durstig und wir leiten Wasser vom Tank in den Trog, das in fast gleicher Geschwindigkeit aufgesogen wird, wie es durch den Schlauch einfließt. Das Volumen eines Troges ist rasch leergetrunken. 

Sobald der Sattel abgenommen ist, wälzen sich die beiden leidenschaftlich im Sand, wodurch sie sich auch von lästigen Insekten schützen. Eine sichtliche Wohltat, bei der üppig Staub aufgewirbelt wird. Dass sie ihr Sandbad gerade vor dem Zelt eingerichtet haben, ist zugegebenermaßen suboptimal aber inzwischen schwer zu verhindern.

Mit Sonnenuntergang kehren Alian und Hawan zu ihren Schlafplätzen zurück. Dort bekommt jeder noch einen kleinen Eimer Hafer.
Es war ein wunderschöner Tag.

Hier noch ein kurzes Video, das die beiden Prinzen porträtiert.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

4 Kommentare zu „Zwei Söhne der Wüste“

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