Gewebte Geschichten der Nomaden

Mit dem Nachschlagewerk unterm Arm, schreite ich über den Teppich und nehme am östlichen Ende Platz. Ich rücke die Brille zurecht und beginne zu lesen – zuerst um mich herum, dann vom Stern zur Shisha.

Die Farben vermitteln den Eindruck der aufgehenden Sonne. Unterschiedliche Nuancen von Orange und Ocker bis hin zu erdigen Braun- und Rottönen erwärmen den Raum. Alle Farben entspringen der Natur und werden gewonnen aus Safran, Distel, Rote Beete, Granatapfel, Walnuss, Summach, Gelbwurzel und mehr. Zahlreiche bunte Blumen umgeben mich – vermutlich sind es Bergblumen. Jede von ihnen zählt acht Blätter, sie stehen für Glück und Zufriedenheit.

Ich folge den Schlangenlinien der Bordüre und damit dem Pfad der Migration. Wanderbewegungen bestimmen das Leben der Nomaden und spiegeln Flexibilität und Anpassung an die Natur, die ein Nomadenleben überhaupt erst möglich machen. Ständig darauf bedacht, dass sie mit ihren oft bis zu tausend Schafen und Ziegen, mit denen sie durchs bergige Hochland ziehen, keinem anderen Stamm in die Quere kommen und damit Konflikte auslösen, ist eine weitere Herausforderung, im kargen Gelände ausreichend Nahrung für ihre Tiere zu finden und gleichzeitig ihre Herde vor giftigen Pflanzen zu schützen. Nomaden haben ein umfassendes Wissen über die Pflanzenwelt. Sie verstehen es auch Sterne zu deuten und kennen jeden einzelnen, der am Himmel erscheint. Sterne bestimmen ihr Leben und dienen als Kalender für den Anbau von Pflanzen und verraten den besten Zeitpunkt für das Scheren von Schafen und Ziegen. Folge dessen veranschaulicht das S-förmige Muster die harmonische Beziehung von Mensch, Tier und Natur und lässt sich heute mit dem Symbol von Yin und Yang vergleichen.

Traditionell fertigen die Nomaden ihre Teppiche zur eigenen Nutzung und nicht für kommerzielle Zwecke. In den Zelten werden sie als Unterlage zum Sitzen und Schlafen sowie zum Schutz gegen Kälte verwendet. Jedes Exemplar ist einzigartig und zahlreiche Motive geben Hinweise auf Götter, Beschreiben die Natur und geben Einblicke ins Leben der Wanderhirten. Nomaden lesen einen Teppich wie ein Buch.

Ishtar, die Göttin der Liebe, ist durch einen achteckigen Stern dargestellt, und davon gibt es auf dem Teppich reichlich zu bestaunen. Der Stern ist aber auch Sinnbild für den Wettergott, der für Nomaden ebenfalls von zentraler Bedeutung ist.
Mein Blick wandert ins Zentrum des Werkes und bleibt an verschiedenen Medaillons hängen, die mit Haken eingefasst sind. Am Ende der Haken sind Dreiecke angebracht und diese mit einem Punkt versehen. Die Sonne. An anderen Stellen deuten diese hakenähnlichen und wirbelnden Muster auf fließendes Wasser.
Mein Weg führt an einem Gebilde vorbei, das einem Kamm ähnelt. Ob dieser zum Weben oder Kämmen der Haare bestimmt ist, bleibt offen. Das Symbol wird von Anthropologen häufig auch als Regen interpretiert.
Dazwischen sticht ein fischgrätenähnliches Motiv hervor. Es steht für den Baum – den Lebensbaum. Umgeben von Tierzeichen können diese ein Hinweis auf ihre Herde mit Schafen, Ziegen und Hunden sein, sie können aber auch auf das Transportmittel hindeuten, nämlich Kamele oder Pferde. Vögel sind ebenfalls beliebte Motive und symbolisieren die Jagd und das Essen.

Auch Talismane werden großzügig eingesetzt. Dreiecke mit drei bis vier Quasten am unteren Ende sind Glückssymbole aus der Zeit Mesopotamiens und werden nicht nur auf Teppichen abgebildet, sondern auch als Schmuck auf der Stirn oder als Kette getragen. Dort wo Augen auftauchen, gelten diese immer als Schutzzeichen, insbesondere für Neugeborene.

Ebenso stoße ich immer wieder auf Pfeile, die in zwei entgegengesetzte Richtungen zeigen. Diese können sich auf die Migrationswege beziehen, aber auch auf die Verbindung zu den Sternen. Wenn daneben eine Shisha abgebildet ist, entspricht der Pfeil nicht dem Wegweiser zur nächsten Shisha-Bar, wie wir es heute vermuten würden, sondern die Shisha wird anthropologisch als Zeichen für Medizin interpretiert.

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Heute ist das Handwerk des Webens in dieser ursprünglichen Form nahezu ausgestorben, da den Nomaden über Jahrzehnte ihre Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Zuge der Anfal-Campagne unter Saddam Hussein wurden Ende der 1980er Jahre rund 4.000 Dörfer im kurdischen Gebiet des Iraks zerstört und die Bevölkerung ermordet oder vertrieben. Zudem sind als Folge des Iran-Irak Krieges große Landstriche und Weideflächen vermint. Die jüngste Bedrohung für die letzten kurdischen Bergnomaden sind die anhaltenden Bombardierungen seitens der Türkei, die in den Bergen im Nordirak Rückzugsgebiete von PKK Kämpfern vermuten.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

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