Marokko – eine Opulenz an Farben und Eindrücken

Eine zehntägige Reise von Marrakesch in die Sahara ist wie das Schlürfen am Sahnehäubchen eines Café Nus Nus. Gelingt es, Momente dieser opulenten Darbietung zu genießen, kehrt man zufrieden nach Hause und kommt wieder. 

Marrakesch

Neben prächtigen Bauten, maurischer Architektur und orientalischem Flair versetzen mich himmlische Düfte von Gewürzen, filigrane Metallarbeiten, bunte Textilien, Silberschmuck, originelle Lederwaren und essfertige Kaktusblüten, in Verzückung. Einziger Wermutstropfen im Souk von Marrakesch sind die Mopeds, die sich ebenso durch die engen Einkaufsgassen drängen und mich schließlich zur Rückkehr ins Riad veranlassen. Dort finde ich Entspannung in einer Atmosphäre aus 1001 Nacht, und erfreue mich an den traditionellen Teppichen, geschnitzten Möbeln, farbenfrohen Kissen, Glasmosaiken, bunten Fliesen, dem Duft von Zedernholz und den zahlreichen Accessoires, die mich umgeben.

Vielfalt der Landschaften

Von Marrakesch reisen wir Richtung Sahara. Der hohe Atlas beeindruckt durch seine karge und bizarre Berglandschaft, ein wenig Schnee zwinkert von den Bergkämmen und kalter Wind umspült die Taille am Tichka Pass auf 2260 Meter Höhe. An den Aussichtsplattformen und daran vorbei posieren Touristen vor Abgründen für ihre Selfies. Tief unten im Taleinschnitt ein mäandernder Fluss, entlang dessen sich pflanzliches und menschliches Leben abzeichnet.

Die karge braune Landschaft setzt sich auf der Rückseite des Passes noch viele Straßenkehren fort, zu den Farben mischen sich grüne und rötliche Schattierungen. Kleine Siedlungen aus traditionellen Lehmbauten sind an den Berghängen zu erkennen. Wäsche, die entlang kurzer Hausmauern in der Sonne trocknet, und kleine Gärten verraten, dass hier Menschen leben. Die Straße führt an einer gewaltigen Felsspalte vorbei, die den Berg entzweit. Wir blicken in die Finsternis der Schlucht, über die sich auch das warme Licht der Abendsonne hinweg setzt. Hinter der nächsten Bergkuppe erstreckt sich die Weite eines Tales, dem wir uns nähern.

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Die Oase

Wir haben es eilig, wollen wir doch den Sonnenuntergang in der Oase erleben. Die letzten Häuser vor unserem Ziel sind bereits vom goldenen Sonnenlicht erfasst. Trotz Panne, bei der sich der Kleinbus kurz vor dem Ziel im Nadelöhr einer Palme und eines Lehmhauses verfängt, gelangen wir Reisende im Laufschritt zu unserer Herberge. Am Flussufer angekommen, erstrahlt ein karger Felshügel im üppigen Licht der untergehenden Sonne, dessen grandioser Anblick in der Flussspiegelung seine Vollendung findet.

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Zwei rote Teppiche sind bereits im Sand des Flußufers ausgebreitet, Minztee und Nüsse werden serviert. Der sich rasch ausbreitende dunkle Schatten gönnt dem Betrachter nur ein kurzes Zeitfenster für das Bestaunen der farbprächtigen Kulisse. Stille breitet sich aus. Kurz vor Dunkelheit queren eine Frau auf einem Esel und Kinder den Fluss, und verleihen dem Momentum einen Hauch Idylle.

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Das Berberdorf

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen ist ebenso spektakulär wie der Sonnenuntergang am Vorabend. Die Oase ist getränkt in gelb und orange und Vogelgezwitscher aus nah und fern verleihen dem Ort paradiesisches. Das auf der anderen Flussseite liegende Berberdorf lockt. Der Weg dorthin führt im Sand entlang des Ufers, vorbei an Palmen, Kakteen und einem Granatapfelbaum mit Früchten der letzten Saison.

Im Dorf angekommen, weckt eine alte verfallene Festung (Kasbah) die Neugier. Der Weg führt entlang von Lehmwänden. Aus einer Seitengasse winken Kinder und sind sichtlich erheitert über uns streunende Fremde. Eine kleine Tür führt in ihr Zuhause, aus dem kurz darauf ein älterer Mann im Kapuzenmantel tritt. Aufmerksam beobachtet er, wohin ich gehe und gibt zu verstehen, dass an seinem Haus kein Weg vorbei führt. Ich kehre um, und tauche in die Ruinen der verfallenen Kasbah. Zwei Frauen in bunten langen Kleidern und mit Lasten auf dem Kopf kommen den Weg entlang, ein Berber reitet auf seinem Esel an mir vorbei. Wir grüßen einander. Salam ealaykum.

Die dem Verfall preisgegebene Kasbah fasziniert. Schuhabdrücke im Sand verraten, dass ich hier nicht alleine bin. Ich wandere durch schmale Durchgänge und Bögen und folge dem Licht, das hier und da durch das Gemäuer dringt. Der eingeschlagene Weg führt zu einer intakten Holztür, die einen Raum verschließt. Eine Frau im schwarzen, langen Mantel huscht im entfernten Lichtkegel vorbei.
Die Morgensonne blinzelt durch Luftschlitze in den noch aufrechten Fassaden. Ich steige einige Stufen hinab und blicke ins Innere einer Kuppel, die noch von vier Pfeilern getragen wird. Ein mystischer Ort, diese Kasbah im alte Berberdorf.

Zur Wüste

Ein Streifen Asphalt inmitten einer abwechslungsreichen Landschaft bringt uns der Sahara näher. Statt Palmen rauschen wir an Büschen und Dornengewächsen vorbei. Der Erdboden verwandelt sich in lavaartiges Gestein und gleicht einer Sandwüste. Parallel zur Straße begleiten uns in der Distanz markante Felswänden, die durch ihre vielen Schichten auffallen. Die unterschiedliche Sonneneinstrahlung sorgt für die farbliche Vielfalt, auf die wir nicht mehr verzichten wollen. Zuerst dunkelbraun und grau, dann zunehmend hellbraun und grün, gegen Tagesende dominieren wieder warme Orange- und Rottöne. Kurz vor dem Ziel sehen wir am Straßenrand die ersten Dromedare, die spontan eine kollektive Entzückung unter den Reisenden auslösen. Das Fahrzeug hält, die Großtiere zeigen sich weniger amüsiert, wenden sich ab, und schreiten Richtung Wüste. Das ist auch unser Ziel.

Die Wüste

Im Sand angekommen, befindet sich hinter dem Riad die Futterstelle der Dromedare. Stolz und erhaben, mitunter majestätisch blicken sie über uns hinweg. Ihre Bewegungen reduzieren sich auf das Nötigste. Gekaut wird synchron zum Wimpernschlag. Ich vernehme lautes Gluckern und beobachte eine Karawane, die sich der Futterstelle nähert. Das Leittier wirft eine Art Beutel aus seinem Schlund. Während ich zu erkunden versuche, was für ein Organ sich hier den Betrachterinnen offenbart, war dieses wieder im Tier verschwunden. Ich mutmaße, dass er der Chef ist, und deute seinen Auswurf als männliches Dominanzgebaren.

Ein bisschen Stille

Am nächsten Morgen schwingen wir uns auf die Rücken der Dromedare. Eines ans andere geknüpft, zieht die Karawane los. Die monotone und langsame Schrittfolge überträgt sich rasch aufs eigene Gemüt, und kratzt am Phlegma. Anstandslos trotten die Tiere trittsicher entlang der Dünengrate. Löst sich die Seilverbindung zum Vordertier, steht das Abgehängte – und alle ihm folgenden – stramm, bis die Verbindung wieder hergestellt ist. Ähnlich einem Zug.

Auf dem Rücken eines Dromedars, läßt sich die Wüste genießen. Wurde eine Düne erklommen, breiten sich dahinter die nächsten aus. Jedem Orientierungsversuch in diesem Meer aus Sand, zolle ich meine uneingeschränkte Hochachtung, auch wenn das Ziel über Umwege erreicht wird. Kurz vor Sonnenuntergang treffen wir im Wüstencamp ein, eingebettet im Schutz zweier Dünen.
Wenn sich die Wüste im letzten Sonnenlicht färbt, sich dunklen Schatten über die Reifenspuren im Sand legen, und die unnötigen Motorengeräusche der Quads endgültig verstummen, breitet sich jene Stille aus, die man in der Wüste erwartet. Es dauert nicht lange, sinken die Temperaturen knapp über den Gefrierpunkt, der Himmel färbt sich schwarz und Millionen Sternen leuchten. Ein Augenblick, in dem wir Teil des Universums werden, und sich Fragen, die unseren Alltag beherrschen, nicht mehr stellen.

 

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In den frühen Morgenstunden kehren wir zurück in die Oase. Die Mütze weiter über die Ohren, und den Schal bis zu Nasenspitze gezogen. Nur die Konturen des Vordertieres zeichnet sich unter dem immer noch prallen Sternenhimmel ab. Manchmal höre ich den Sand knirschen, und fühle mich an den Schnee erinnert. Im Osten absorbiert das noch unsichtbare Licht in zunehmendem Radius die Sterne. Langsam färbt sich der Himmel von dunkles in helles schwarz, die Silhouette unserer Karawane wird immer deutlicher. Ein sanftes gelb, orange, blau und violett färbt geduldig den Horizont.

Auch von unserem Wüstendorf im Süden dringen Lichter in die Dunkelheit. Mit der aufgehenden Sonne, erwacht das Leben und versengt die Stille. Bis zur Rückkehr haben auch Motoren wieder die Luft geschwängert, an dessen Geräusch man sich beim Absteigen vom Dromedar bereits wieder gewohnt hat.

Mehr Bilder sind in diesem Video zusammengefasst.

Autor: reginatauschek

Weltbürgerin.

10 Kommentare zu „Marokko – eine Opulenz an Farben und Eindrücken“

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